Im Pyramidental von Göreme

Joe Paul

 

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Nun waren die Gänge, Räume und Durchschlüpfe verlassen, die ausgehöhlten Wände, Türme und Kegel leer – und das seit Jahrhunderten. Fasziniert waren Hermann und ich einem Gang gefolgt, brüchige Treppen erklommen und abgestiegen. In einem Raum kam abrupt unser Forschen zu Ende. Da gab es nur einen Kamin, der nach unten führte. Die Außenwand war abgestürzt; da gähnte nur senkrechter Abgrund mit Panoramablick auf das Pyramidental von Göreme. Der Kamin hatte Einkerbungen und darunter lag wieder eine Räumlichkeit. Wahrscheinlich hatte es einmal da eine Leiter gegeben.

„Ich klettere hinunter,“ eiferte ich.

„Das würde ich dir nicht raten,“ gab Hermann zu bedenken. „Wie kommst Du wieder herauf, wenn es dort nicht weitergeht? Außen kommst nicht weg; der Sandstein ist zu brüchig.“

Ich ließ mich nicht abhalten. Als ich am unteren Ende des Kamins verklemmt hinabhing, konnte ich zwar den Boden sehen, der etwa zwei Meter unter mir lag, aber nicht, ob es einen Ausweg gäbe. Kurz entschlossen ließ ich mich fallen. Als ich mich dann umschaute, bemerkte ich sofort, dass ich in einer Falle saß. Auch hier fehlte die Außenwand und weitere Steige oder Gänge gab es nicht.

 

Hermann kannte ich von Istanbul, wo wir als Praktikanten unserer Universitätsstudien einen Sommer verbracht hatten. Mit geringen Mitteln waren wir nun dabei, Anatolien zu besichtigen. Wir waren erwartungsvoll von Ürgüp ins Pyramidental von Göreme gewandert. Ein türkisches Dolmuş-taxi hatten wir uns erspart. Weingärten hatten uns üppiges wenn auch einseitiges Nachtmahl bereitet. Hinter ihnen sieht man die ersten Boten der Landschaft, die ihresgleichen sucht.

 

Feurige Vulkane haben vor zehntausenden Jahren ihr Inneres als Tuff verspeit und das Land weithin bedeckt. Eruptionen haben in Abständen Schicht für Schicht gebildet und diese zusammenbacken gelassen. Dann haben Wind und Regen, Frost und Eis an den Ablagerungen gemeiselt, die weicheren schneller, die härteren langsamer zermürbt, so dass wunderliche Gebilde entstanden sind. Wo harte Schichten weichere bedeckten, sind Säulen oder Kegel mit Hüten oder Kappen entstanden. Platten und Brücken stehen noch zähe da, aber es ist nur eine Frage wie lange, bis auch sie stürzen. Felsbänke strecken sich wie Burgmauern und trotzen mit herausspringenden Türmen imaginären Feinden. Der Witterung? Dem Zahn der Zeit? Da treten rotbraune steinerne Männer aus den Wänden. Oder sind es zu Stein erstarrte Pilger mit ihren Kapuzen und Kutten?

 

In diese Landschaft hatten sich frühe Christen angesiedelt, fast müsste man sagen: eingenistet. Sie gruben sich ein, durchhöhlten Wände, Pyramiden, Kegeln, Türme bis tief ins weiche Gestein. Luft- und Lichtlöcher zeigen, wie hoch hinauf der Fels durchwühlt ist. Es sind wahrhaftige Stockwerke von Räumen mit Zugang zu Kapellen und anderen gottgeweihten Hallen. Vieles ist geblieben, manches abgestürzt, so dass manche Wände und Steige fehlen. Wer sich dem Trug hingibt, ungestraft überall eindringen zu können, dem droht Unheil.

 

Im Licht des späten Nachmittags waren wir in die Landschaft der Pyramiden eingedrungen. Damals in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es wenige Besucher und kaum Führungen, noch dazu so spät am Tage. Wir waren allein und stiegen mit Begeisterung umher.

 

Ich suchte vergebens nach einem Ausweg, aus meiner Falle hinauf oder hinunter zu klettern. Vergebens. Die einzige Möglichkeit war Rückzug in den Kamin, den ich auch mit ausgestreckten Händen kaum erreichen konnte.

„Hermann, du musst Dich so verklemmen, dass Deine Hände herunterreichen. Ich packe sie und du ziehst mich hinauf.“

„Das kann ich nicht. Du bist zu schwer.“

„Dann musst du auch herunter kommen. Ich steige auf Deine Schultern und klettere hinauf. Dann ziehe ich dich.“

„Wenn du das nicht kannst, sitzen wir beide in der Falle!“

Ich konnte dennoch Hermann zu dieser verzweifelten Alternative überreden.

Sie gelang. Wir fanden den Weg aus diesen horizontalen und vertikalen Irrgängen zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber Hermann wurde noch zuletzt abgelenkt. „Schau diese Farben an!“ rief er. Dann war er schon verschwunden. Ich folgte und staunte. Wir waren in ein Heiligtum geraten.

Gegliedert mit Säulen und Bogen atmete hier eine Kuppelhalle vergangene Inbrunst. Rosarote Dekorationen schmückten die Gewölbepfeiler und Wände. Christus und Heilige starrten auf uns herab. „Diese Fresken sind mindestens 900 Jahre alt,“ staunte ich.

„Könnten die noch aus der Zeit stammen nachdem Paulus hier gewirkt hat?“ fragte Hermann.

„Das sicher nicht,“ versuchte ich mich zu erinnern. „Aber im 10. Jahrhundert soll hier das Christentum um seine Existenz gekämpft haben. Das dauerte wahrscheinlich bis ins 11. und 12. Jahrhundert. Ich glaube, es ist der islamischen Toleranz zu verdanken, dass diese Troglodytenwelt weiter blühen konnte.“

 

Das war nur eine der vielen Höhlenkirchen, die zu entdecken gewesen wären. Von unten und außen sahen wir ganze Klosterhallen. In einem Fall war die Decke zwischen dem oberen und unteren Geschoß freigelegt, die Klosterräume unzugänglich. Über Felstrümmern kletterten wir aber mühelos zu einem Kircheneingang, der die Vorderwand eingebüßt hatte. Leider beschränkte der vorgerückte Abend unser abenteuerliches Besichtigen. Vor der Dunkelheit wollten wir noch eine der ausgehöhlten Pyramiden erforschen.

 

Wir konnten tatsächlich im Inneren bis fast zur Spitze vordringen. Inzwischen waren die Schatten der Felsgebilde lang geworden. Das war so schnell geschehen, dass wir einsahen, vor Einbruch der Nacht nicht nach Ürgüp zurückkehren zu können.

„Wir werden einfach hier im Kegel übernachten,“ schlug ich vor, bemerkte aber gleich, wie kalt es geworden war. Wir hatten weder warmes Gewand noch Schlafsäcke. Belämmert saßen wir in einem Felsfenster und ließen unsere Beine hinausbaumeln.

 

Da hörten wir Motorengeräusch. Eine Gruppe von zwei Burschen und zwei Mädchen war in einem geliehenen Auto dabei, der Landschaft beim Geisterlicht des Mondes einen Besuch abzustatten. Hermann und ich kannten die beiden Mädchen; wir hatten sie im Autobus getroffen.

Wir machten uns bemerkbar. „Könnt ihr uns mitnehmen?“ rief ich hinunter.

„Ja, falls ihr nicht oben übernachten wollt,“ war die lachende Antwort.

Wir waren noch nicht weit abgestiegen , als unsere Taschenlampe ihren Geist aufgab. Im ausgehöhlten Fels war es nun stockfinster. Es war unmöglich weiterzuklettern ohne zu stürzen.

„Wir müssen außen absteigen,“ schlug ich vor. Das war zwar möglich, weil der Mond uns leuchtete, aber der Steile des Kegels wegen auch nicht ungefährlich. Wir mußten uns buchstäblich auf unser Fingerspitzengefühl verlassen.

„Mit Bauchweh haben wir euch zugeschaut,“ sagte eines der Mädchen, als wir unten angekommen waren – heil, wenn auch mit Abschürfungen. Die andere nickte: „In Ürgüp machen wir uns einen Glühwein!“

So geschah es auch. Dann schliefen wir doch im Freien, auf der Straße, mit einer Plane bedeckt.

 

 

 

 

© Joe Paul 2012 (aus dem Tagebuch „Studentische Türkeireise“)

 

 

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