SAFARI ZUR SPITZE VON QUEENSLANDS KAP YORK

 

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 Der Schauplatz des Geschehens

 

 

Kap York umfaßt die ausgedehnte Halbinsel im Norden des australischen Staates Queensland.  Sie liegt zwischen den 10. und 17. südlichen Breitegraden und ist mit 207.000 Quadratkilometern etwa zwei einhalb mal so groß wie Österreich (oder um ein Drittel kleiner als Neuseeland), hat aber nur 15.000 Einwohner.

 

 Die Halbinsel verschmälert sich gegen Norden zum eigentlichen Kap. Dieses zeigt wie ein Finger auf Neuguinea, von dem es durch die mit Riffen und Inseln überstreute Torres Straße getrennt ist.  Entlang der Ostseite der Halbinsel zieht sich das Große Barriere Riff des Korallenmeeres und die Westküste waschen die seichten Wasser des Golfs von Carpentaria.

 

    

 

Tropischer Regenwald

 

 Ich roch den Fluß bevor ich ihn sah.  In die heiße Luft, geschwängert mit leichtem Eukalyptusdunst und gebackener Erde, mischte sich eine Ahnung Feuchtigkeit.  Unser Fahrzeug hielt an. Ich streckte meine Glieder, faul von der Autofahrt und stieg zum Wasser hinunter.  Aus dem niedrigwüchsigen Gebüsch, das eine Flußbeuge verbarg, wälzte sich träge von den lehmigen Schwebestoffen die breite Wasserfläche des Daintree Flusses, an mir vorbei und umspülte die am Ufer verankerte Fähre, mit der wir den Fluß übersetzen wollten. Ich suchte die Wellen von Ufer zu Ufer nach Anzeichen von Krokodilen ab.  Dann setzte ich mich nieder, allerdings nicht zu nahe!!

 

 Mit Queenslands Salzwasserkrokodilen (Crocodylus porosus), erkennbar an den breiten Schnauzen, ist nicht zu scherzen.  Es sind heimtückische und unberechenbare Bestien. In allen Büchern und Broschüren, die über diese Gegend herausgegeben werden, und auf allen Parkhüterstationen der Nationalparks wird man gewarnt; an Wasserläufen und Teichen sind Warnungstafeln angebracht. Wenn man aber den Verhaltensmaßregeln folgt, kann man kaum in Gefahr kommen:

 

·         In Gegenden wo Krokodile vorkommen können (Mündungsgebieten von Flüssen, Flußniederungen) immer Augen offen halten!

·         Keine Krokodile füttern, auch keine kleinen!

·         Nicht näher als 50 m vom Wasserrand lagern!

·         Beim Fischen mindestens einige Meter vom Ufer entfernt stehen! Baumstämme über tiefen Wasserstellen vermeiden!

·         Kein Essen in Ufernähe bereiten!

·         Keine Essensreste oder Tierkadaver (erlegtes Wild, Fischteile) in Gegenden zurücklassen, wo sich üblicherweise Menschen aufhalten!

·         Nicht in tiefem Wasser schwimmen!

·         Nie allein schwimmen!

·         Arme und Beine nicht über den Bootrand hängen lassen!

 

Es mag beruhigend sein, daß die Süßwasserkrokodile (Crocodylus Johnstoni), die schmale Schnauzen besitzen, Menschen nicht angreifen.

 

Die Krokodile sind ein offensichtlicher Erfolg der Evolution.  Die ersten Vertreter ihrer Gattung traten schon vor 200 Millionen Jahren auf.  Krokodile überlebten die Dinosaurier, das Auseinanderbrechen der Kontinente, die Eiszeiten, und dennoch unterscheiden sich die heutigen Arten kaum von ihren prähistorischen Verwandten.

 

Da ich keine Krokodile erspäen konnte, lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf unsere Reisegesellschaft.  Wir hatten am Morgen Cairns verlassen und waren in der Spätvormittagshitze an den Daintree Fluß gelangt.  Wir waren 15 Leute, auf drei Fahrzeuge des Safariunternehmens verteilt.  Diese Wägen hatten alle Vierradantrieb und einer zusätzlich eine Winde.  Unser Gepäck, Kampier-, Kochgeräte und alle Vorräte führten wir auf Dachgalerien und in zwei Anhängern mit.  Die drei Fahrer, Noel, Mat und Rick, waren gleichzeitig Führer; das Zubereiten der Mahlzeiten überließen sie der Köchin Lisa, die wiederum auf unsere Mithilfe rechnete.  Einige Reisende in eigenen Geländefahrzeugen hatten sich uns angeschlossen.  Es rät sich, das Kap nicht in einem einzelnen Fahrzeug zu bereisen.

 

Es war, wie so oft, eine zusammengewürfelte Gesellschaft, die sich in Cairns zusammengefunden hatte: aus allen Altersgruppen, verschiedenen Berufen, mit unterschiedlichen Lebensweisen und Interessen.  Der Einzelne hat keine Kontrolle über die Zusammensetzung der Gruppe.  Auf einmal steht man einander gegenüber, mit dem Wissen, daß man auf engem Raum zusammenleben wird müssen; in unserem Fall 16 Tage, zu fünft im Auto, mindestens zu zweit im Zelt, alle abends ums Lagerfeuer geschart.  Man muß die Menschen nehmen wie sie sind.  Das gilt natürlich auch für einen mitreisenden Ehepartner.  Aber das ist eher eine Weiterführung der häuslichen Zustände...

 

Was meine Frau Klara und mich erstaunte, war die große Zahl älterer Leute, die gerade für diese Fahrt gebucht hatten, denn es war alles andere als eine Luxusreise.  Wir schliefen in Schlafsäcken auf Luftmatratzen, saßen manchmal stundenlang in holprigen Fahrzeugen; die Zugluft, obgleich kühlend, wehte auch Staub in die Fahrzeuge und die Waschgelegenheiten waren, außerhalb der Motorcamps, auf das beschränkt was die Natur bot.  Wasser wurde aus Flüssen und Bächen geholt, die Notdurft in selbstgegrabene Löcher verrichtet.  Klara und mir ist das alles recht; wir wollen ein Teil der Landschaft und nicht von ihr abgeschlossen sein.

 

Aufheulen von Motoren und verstärktes Stimmengewirr unterbrachen meine Gedanken.  Wir waren bereit,auf die Fähre zu gehen.

 

Die Sandstraße auf der anderen Seite des Flusses war schmal und drang bald in höheren Wald ein.  Kaum glaublich, da stand doch eine grell bemalte Reklametafel: abgebildet waren zwei Männer mit breitrandigen Hüten und - wie ich fand - Galgenvögelgesichtern, daneben die Worte: "Kauf Dir Dein eigenes Stück Regenwald!"  Der Wald war parzelliert und verkäuflich!

 

Unsere größte Überraschung und auch Enttäuschung war die Tatsache, daß Kap York, nicht wie wir es uns vorgestellt hatten, von tropischem Dschungel bedeckt ist.  Es gibt zwar noch große Landstriche des Queensländischen Regenwaldes, aber nur an gewissen Stellen und in Küstennähe.  Im Vergleich mit der großen Fläche des Kapgebietes ist das wenig.  Und hier war man dabei, den ursprünglichen Wald weiter zu dezimieren!

 

Ich dachte zurück an die Morgenrast, als wir den ersten Eindruck des hiesigen Regenwaldes bekommen hatten.  Wir waren in den Mossman Gorge Nationalpark hineingefahren und freudig den Weg, einem Bach entlang, hinaufgelaufen.  Wasser sprang über große abgerundete Steinblöcke und Steinplatten.  Trotz der fremdartigen Bäume erinnerte mich der Wald an mein heimatliches Neuseeland. 

 

Dann sah ich aber unerwartet im dichten Blattwerk leuchtende Farbpunkte.  Einer hob sich tiefblau vom grünen Hintergrund ab und daneben ein zweiter feuerrot.  Das Rot flackerte wie Taschenlampenlicht oder vielleicht eher wie eine Blüte, die sich mehrmals öffnete und schloß!  Als ich mich näher schlich, sah ich, daß diese vermeintliche Blüte schwarz umrandet war und weiße Flecken trug.  Es zuckten die Flügel eines Schmetterlinges, den ich als „Red Lace Wing“ erkannte!  Die blaue Farbe in seiner Nähe gehörte einem „Mountain Blue Butterfly“.  Ich hatte zwei der schönsten am Kap einheimischen Schmetterlinge überrascht!

 

Der unangenehme Eindruck der Reklametafel verblaßte bald, als wir in den Cape Tribulation Nationalpark eindrangen.  Die steile Waldstraße führte auf und ab durch Hochwald, der hinunter zum Meer stieg und dort als Palmenhain weißglänzende, sonnige, vom tiefblauen Meer umspülte Sandstrände umrahmte.  Es waren Stellen, wo wir am liebsten geblieben wären, gebadet, in der Sonne geträumt und auf den Rest der Reise vergessen hätten.  Wir sollten noch viele Stellen finden, wo wir nichts anderes wollten als "bleiben".

 

 

Der sterbende Aborigine

 

Am Spätnachmittag desselben Tages schlugen wir unsere Zelte auf dem Lagerplatz bei Helenvale, beim ältesten Wirtshaus der Umgebung, der Lions Den Pub, auf.  Starker Wind machte uns zu schaffen und veranlaßte mich, meine australischen Freunde scherzhaft darauf hinzuweisen, daß meine Heimatstadt Wellington nicht der einzige Platz sei, der das Attribut „windig“ verdiente.  Es war nicht warm und das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß wir August hatten und dieser Monat dem Februar der nördlichen Hemisphäre entspricht.  Allerdings heißt die kühle Jahreszeit in Queensland nicht „Winter“ sondern "Trockene Saison", zum Unterschied von der heißen und schwülen "Feuchten Saison".  Die durchschnittlichen Tageshöchsttemperaturen liegen allerdings in der "Trockenen" in der Umgebung von Cooktown bei 26oC, weiter nördlich sogar höher.

 

Als es dunkel wurde, Kochen, Essen und Geschirrwaschen vorüber waren und viele Leute schon in ihre Schlafsäcke krochen, ging ich spazieren.  Ich kam an der Schenke vorbei, aus deren Eingangstür Licht herausfloß und die unmittelbare Umgebung stockdunkel erscheinen ließ.  Stimmengewirr drang in das Schweigen der Nachtlandschaft.

 

Der Lichtschein blendete mich, so daß ich über ein paar Beine stolperte, die vor mir ausgestreckt lagen.  Die Beine gehörten einer Gestalt, die halb an den Gartenzaun des Wirtshauses gelehnt war.  Ich entschuldigte mich und beugte mich nieder, um festzustellen, ob hier ein Betrunkener oder Hilfebedürftiger läge.  Die dunkle Gesichtsfarbe des Mannes schien mit dem nachtschwarzen Hintergrund zu verschmelzen. Ich hatte einen australischen Eingeborenen, einen Aborigine, vor oder eher unter mir.  Ohne besonderen Grund setzte ich mich auch, lehnte mich auch an den Gartenzaun und starrte auf das sternengespickte Firmament.  So saßen wir längere Zeit, ohne ein Wort zu sprechen.

 

Der Mann neben mir war alt - das konnte ich sehen, nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten - und er hustete von Zeit zu Zeit.  "Geht es Ihnen nicht gut?" fragte ich zögernd.

"Ah, gut, gut ..." antwortete er.  Nach einer längeren Pause fügte er hinzu: "Kommst du von weit her?"

Ich erklärte, daß ich von Neuseeland käme, das Kap besuchen wolle und daß unsere Gesellschaft zu den Fahrzeugen gehöre, die in der Nähe des Lagerplatzes standen.

 

"Unser Land ist groß, weit, sehr alt.  Es stammt aus der Traumzeit.."  Er lehnte sich plötzlich mir zu: "Da fährst du ins Land der Seelen von meiner Familie und von denen die vorher gelebt haben."  Er raunte diese Worte. 

"Hat die europäische Besiedlung das Land nicht verändert?" fragte ich.  Ein fast verlegenes Kichern drang aus seiner Kehle: "Ah, ja, hier hat's viel Böses gegeben, viel Tod ...  Viele sind gekommen und wieder gegangen.."

 

"He!" klang plötzlich laut eine hohe Stimme neben uns: "Ohne uns, Du Bastard, würdet ihr noch immer Eidechsen essen und nackt ums Lagerfeuer springen.  Oder noch ärger, würdet ihr noch Menschenfleisch braten!" Obwohl der Mann das Schimpfwort, übrigens ein häufiges australisches Idiom, gebraucht hatte, klang seine Stimme nicht unfreundlich.  Der Alte neben mir wendete nicht einmal den Kopf. 

"Bring mir noch ein Bier, Bill," raunzte er.

"Hol's doch selber!" rief Bill, brachte dann aber außer einer Flasche, aus der er selbst sog, noch eine zweite.  Die beiden Männer kannten einander offenbar, waren vielleicht in einer gewissen Weise miteinander befreundet.

 

Bill klang seiner Rede nach wie ein waschechter Australier, war aber kein Aborigine.  Er setzte sich auch und lehnte sich auch an den Gartenzaun.  So saßen wir beieinander und hin und wieder sagte jemand etwas.  Es war kein flüssiges Gespräch, gab mir aber Zeit zum Nachdenken.

 

"Du trinkst ja nichts!" bemerkte Bill zu mir, "da muß ich dir was bringen; s'ist bald Sperrstunde."

"Keine Sorge!" rief ich vergeblich.

Dennoch hatte ich bald auch eine Flasche in meinen Händen.  Wir sahen die Leute nacheinander aus der Pub weggehen und es wurde immer stiller.  Keiner von uns wollte aber aufstehen.

 

"Wir essen immer noch Eidechsen.  Und Lagerfeuer machst du selbst!" hatte sich der Aborigine gewehrt.

"Jaha, Charlie, aber wie habt ihr Ackerbau und Viehzucht gelernt?  Doch von uns.  Nicht daß ihr viel davon versteht, aber ihr wißt, worum es sich dreht.  In all den tausenden Jahren seit eurer Traumzeit ist euch so was nicht eingefallen!" schalt Bill seinen Kumpel eher gutmütig.  "Mit Speeren habt ihr gejagt!  In der Erde nach Nahrung gewühlt.  Bestenfalls wart ihr Jäger und Sammler, Charlie-boy."

 

Nach einer Pause kam die Antwort: "Das Land ist für uns da.  Es gibt uns was wir brauchen.  Wir müssen nicht alles ändern wie die weißen Leute.  Die weißen Leute tun dies, dann das und immer was anderes - aber zufrieden sind sie nie.  Wir kommen aus der Erde und kehren in sie zurück.  So war's immer und so wird’s bleiben.  Wir gehören dem Land und das Land nährt uns.  Aber wir müssen es nicht so behandeln wie die weißen Leute.  Das versteht ihr nicht."

 

"Okay, okay, mate (Kamerad).  Trotzdem bin ich froh, daß ihr kein Menschenfleisch mehr freßt.  Ich möchte nicht gerne einen Speer in meinem Leib entdecken, wenn ich durch den Busch reite und sterbend wissen, daß ich später geröstet werde."  Bill lachte dabei.

 

"Wenn unser Feind stark war und wir ihn getötet haben, dann war's auch recht, sein Fleisch zu essen.  Das hat ihn nicht geschmerzt und wir haben seine Kraft in uns aufgenommen.  Unsere Feinde haben uns Fleisch gegeben und ihren Geist."

 

Darauf fanden weder Bill noch ich eine Antwort.  Ich dachte darüber nach, wie es denn überhaupt zu den ersten Feindseligkeiten zwischen europäischen Siedlern und Aborigines gekommen wäre und ich glaube, daß dies bei solch außerordentlichen Unterschieden in Kultur und Denkart unausbleiblich war.  Die Siedler fanden ein offensichtlich leeres Land mit wenigen Menschen vor - doch war es übersät mit Stellen, die den Aborigines heilig waren.  Da solche Stellen für den Uneingeweihten nicht erkenntlich sind, brachen die Europäer ungewollt immer wieder Tabus.

 

Dann hob Charlie seine Stimme fast erregt: "Wir dürfen das Land nicht schänden.  Das Land schnitzt uns, das Land, so wie es ist, mit seinen Hügeln, Steinen, dem harten Boden, den Wasserlöchern, den Bäumen, in denen die Geister flüstern, die anderen lebenden Dinge, die Tiere, die Blumen.  Alles gehört zum Land und ist daher miteinander verbunden.  Wir dürfen diese Bande nicht zerstören, wir die Menschen.  Wir gehören dazu, zusammen mit den Seelen unserer Toten.  Wenn wir sterben, kehren unsere Geister zurück zum Land und zu allen Dingen, die ihm gehören.  Darum wollen die schwarzen Leute nicht vom Land ihrer toten Verwandten fort.  Dort wo die Toten sind, atmet das Land und sein Atem sind die Geister der Toten.  Für immer und ewig."

 

Ich war beeindruckt und, ich glaube, Bill auch und jeder von uns starrte schweigend auf zu den Sternen und hing seinen Gedanken nach.  Die Stürme des Tages waren schlafen gegangen.  Nur eine leichte Brise strich durch das weite Tal, umschmeichelte gemächlich die Holzwände des Wirtshauses und die Stämme der Bäume - wie im Vorbeischlendern.  Es war milde Luft, wie es so oft der Fall ist in Queensland, auch während der kühlen Trockenzeit.  Und doch fallen während der Nacht die Temperaturen beträchtlich, besonders weiter im Landesinnern. 

 

Charlie hatte auf mich Eindruck gemacht.  Ich hatte Aborigines, von den gewöhnlichen Australiern auch Abos genannt, nur als in sich verschlossene scheue Leute kennengelernt, Leute die lethargisch herumsaßen und kaum jemandem Aufmerksamkeit schenkten.  Viele sind sicher so, weil sie mit ihrer Kultur auch ihre Selbstachtung verloren haben, aber viele sind so vielleicht, weil sie wissen, daß sie ohnehin niemand verstehen würde. 

 

Bill verhielt sich nicht wie ein gewöhnlicher Australier.  Vielleicht war er durch seine lange kameradschaftliche Bindung mit Charlie dazu bereit, über die sonderbaren Eigenarten der Abos nachzudenken, sie vielleicht sogar anzuerkennen.  Ich aber dachte nach, wie die Eigenarten der Aborigines aus der harten Umwelt geboren wurden, in der sie es verstanden hatten, durch zehntausende Jahre zu überleben.

 

"Die Welt bleibt leider nicht stehen!" sagte ich vor mich hin wie im Selbstgespräch, dachte aber dann: "Müssen alte Kulturen wirklich im Wirbelwind der Menschheitsentwicklung völlig verschwinden?  Gibt es keinen Kompromiß für Anpassung ohne Aufgabe kultureller Identität?  Wollen wir schließlich und endlich alle dieselben sein, in unserem unentwegten Drang nach Fortschritt?  Können wir überhaupt für Kulturen, die wir als überholt betrachten, Nischen beiseite setzen?"

 

Der alte Mann richtete sich plötzlich auf; ganz stramm stand er da, wie ein Junger.  Er begann sich langsam zu bewegen, seine Beine begannen zu stampfen, seine Bewegungen wurden immer schneller, immer ausgeprägter.  Er war verwandelt, er tanzte, aber es war ein bedrückender Tanz, im Mondlicht flackernd, ein Tanz der für mich bedeutungslos war, mich aber sehr beeindruckte.  Mit seinem Stampfen schien er Kraft aus der Erde heraussaugen zu wollen, mit seinen Handbewegungen schien er die Erde beschwören zu wollen.  Er steigerte sich immer mehr in seine Bewegungen hinein, er riß uns mit - ein tanzender Schatten im Mondlicht.  Der Tanz verschmolz harmonisch mit der Umgebung, mit den umgebenden Geräuschen und den umgebenden Gestalten.  Es war Rhythmus ohne Musik, wurde zum Rhythmus der Umgebung, als ob der Tänzer mit der Landschaft eine Einheit bildete, eine Einheit, wie sie die Aborigines für zehntausende von Jahren gebildet haben.

 

Mit einem Male hielt der Tänzer inne, machte einige unkoordinierte Bewegungen und krachte wie ein gefällter Baum zur Erde.  Ich sprang erschrocken auf und Bill folgte.  Der Mann röchelte ein paar Sekunden und dann war Stille, atemberaubende Stille. 

"Ich fahr' ihn zum Doktor nach Helenvale," stieß Bill hervor, "hilf mir ihn ins Auto zu stecken."

Der Mann schien sehr schwer, als wir ihn zu Bills Auto und auf den Nebensitz der Fahrerkabine zogen.  Dann heulte der Motor auf, die Autoreifen kreischten und ich blieb zurück in der wiederkehrenden Stille.  Nun merkte ich, daß der letzte Atem des Windes erloschen war.  Es lief mir kalt über den Rücken; ich stand verloren da und dachte nach ob, was ich gerade erlebt hatte, Wirklichkeit gewesen wäre oder ein Traum.

 

 

Am Gespaltenen Felsen

 

"Soldaten, Jahrtausende blicken auf Euch herab!" soll Napoleon gerufen haben, um seine Armee angesichts der ägyptischen Pyramiden anzueifern.  In Australien, besonders in den nördlichen Regionen, gibt es tausende Höhlen- und Felsmalereien, unter ihnen manche, von denen die Aborigines behaupten, sie wären schon immer, seit der "Traumzeit", dagewesen und wären übernatürlichen Ursprungs.  Tatsächlich schätzen Forscher das Alter mancher dieser Malereien auf zehntausend Jahre und älter.  Es gibt aber auch Malereien neueren Ursprungs.

 

In der Umgebung des heutigen Laura ist durch Ausgrabungen nachgewiesen worden, daß gewisse Stellen seit 13 bis 14 tausend Jahren bewohnt worden sind.  Die Ureinwohner dieser Gegend und ihre Nachkommen sind für die Kunstwerke verantwortlich, die in den Sandsteinklippen der Gegend erhalten sind.  Natürlich sind die Malereien nicht auf einmal entstanden, sondern von Generationen namenloser Künstler, die oft auch bestehende Bilder übermalt haben, ausgeführt worden.  Die Gemäldegalerien vom Gespaltenen Felsen und der benachbarten Guguyalangi Örtlichkeit wurden erst 1960 von Straßenbauarbeitern entdeckt, doch wird behauptet, daß sie zu den weltbesten Beispielen gut erhaltener prähistorischer Kunst gehören.

 

Australien ist geologisch so alt, daß Erosion die Höhen aller Bodenerhebungen weitgehend verringert hat.  Dennoch, gerade wegen der Flachheit der Umgebung beeindrucken die Sandsteinmassive, wo der Gespaltene Felsen steht.  Es war später Vormittag und die trockene, warme Luft des Landesinneren wehte nur leicht kühlend übers breite Tal, durch das wir gekommen waren.  Es war kein langer Anstieg hinauf zu den Galerien aber, wenn immer wir in Windschatten gerieten, dann spürten wir die Hitze der Sonne und die Rückstrahlung der nahen Felswände, obwohl diese von hohem gebleichtem Gras und schütteren hellblaugrünen Eukalyptusgewächsen teilweise abgedeckt waren.  Je weiter wir die Anhöhe hinaufstiegen, desto mehr wurden wir uns der Weite der Landschaft bewußt.  Unten im Tal wand sich die Sandstraße, aber mehr Zeichen menschlicher Tätigkeit waren nicht zu erkennen.

 

Ich mußte an Napoleons Ausruf denken, als ich zu den alten Malereien aufschaute.  Es gab viele menschliche Gestalten, einige mit übertrieben gezeichneten Geschlechtsmerkmalen, Tiere aller Art, Schattenfiguren und schablonenartige Darstellungen von Händen.  Die Bilder sind nicht gerade in Höhlen, sondern unter weiten Felsvorsprüngen zu finden, so daß sie alle bei Tageslicht betrachtet werden können.  Sie sind völlig ungeschützt dem Verantwortungsbewußtsein der Besucher preisgegeben.  Gemalt wurde mit Zubereitungen natürlich vorkommender ockerfarbener und rötlicher Erde, schwarze Tönungen kamen von Feuerasche und weiße von verwittertem Lehm.  Die dargestellten Tiere waren ziemlich alle, die man auch heute im Busch und entlang der Flüsse treffen kann.  Die menschlichen Figuren sollen Vorfahren darstellen, aber auch zeremonielle Bedeutung haben.  Die Geisterdarstellungen, hier Quinkan genannt, haben der lokalen Kunstform ihren Namen gegeben.

 

Im Vergleich mit der Einsamkeit um den Gespaltenen Felsen war Laura ein Stützpunkt europäischen Lebens mit einem Postamt, Polizei, einem Hotel (lies: Schenke), Wohnwagenpark und einem Kaufladen.  Wenn man nach Laura einfährt, merkt man aber zunächst nur einen riesigen rötlich-sandigen Hauptplatz, oder eher eine sehr breite Hauptstraße, begleitet von vertrocknetem Rasen und wenigen Bäumen.  Die meisten der wenigen Gebäude stehen abseits und in weiten Abständen voneinander.  Platz gibt es genug.

 

Allerdings waren noch Ende des vorigen Jahrhunderts große Hoffnungen mit Laura verknüpft.  Der unerwartet kurze Goldrausch jener Zeit beflügelte die Pläne, das Kapgebiet zu eröffnen und in der Nähe von Laura steht noch eine verlassene Eisenbahnbrücke, fertiggestellt 1894 um teures Geld, gerade bevor die Pläne zur Weiterführung der Eisenbahnlinie aufgegeben wurden.  Nur ein einziger Zug hat diese Brücke überquert.  Jetzt stehen nur mehr die Brückenpfeiler als Denkmal jener Zeit und werden als solches von den Durchreisenden aufgesucht und bewundert.  Wir taten dies auch.  Dann setzten wir unsere Reise nach Norden fort und schlugen unsere Zelte am Hann Fluß auf.

 

Die Ufer des Flüßchens waren sandig, von hohen Bäumen überschattet.  Das Wasser war trinkbar und wunderschön zum Baden. Der Eukalyptuswald, der solche Wasserläufe begleitet, bildet immer Oasen des Tierlebens. Wir waren aber schon zu weit im Landesinnern, um uns vor Krokodilen fürchten zu müssen. 

 

Wir lagen in den Zelten und lauschten den Geräuschen der Nacht, bis wir in tiefen Schlaf verfielen und uns erst die frühmorgendlichen Choräle der munteren Vogelwelt weckten.  Die Sonne glitzerte durch die Baumkronen.  Bunte Farbflecke, die in Grevilleabäumen umherflirrten, erwiesen sich bei genauem Hinschauen als Regenbogenlori.  Große Vögel, die Raben und Gabelweihen glichen, zerzausten eine verlassene Lagerstelle.

 

 

Querung des Rückgrats der Halbinsel

 

Es war großer Betrieb beim Rasthaus der Musgrave Station.  Das Gelärme und Getue um unsere Fahrzeuge übertönte das Kreischen der Galah Papageien, rosaroter Vögel, die scharenweise in den Mangobäumen saßen.  Musgrave war einmal eine gegen Überfälle befestigte Telegraphenstation, 1887 gebaut.  Die Wirtschaftsgebäude stehen auf einer weiten baum- und strauchlosen Ebene, haben Telephonverbindung und einen eigenen Flugplatz.  Es gibt einen Laden und eine Schenke.  Treibstoff ist erhältlich, aber Reparaturen werden keine gemacht.  Die Reisenden können einen Imbiß und Erfrischungen kaufen und am Morgen unserer Ankunft hatten etliche Fahrzeuge  haltgemacht.  Auch wir machten Rast.  Wie üblich klappte Lisa die Rückwand eines Anhängers herunter. Es entstand auf diese Weise ein Tisch, auf den sie Kekse in Dosen und Tee und Kaffee in Thermosflaschen stellte.

 

Wir folgten nun der sogenannten Kap York Erschließungsstraße, der einzigen Straße - oder eher Fahrtrasse - nach Norden zur Spitze des Kaps.  Man kann sich vorstellen, was für eine holprige Straße das ist.  Aber sie verläuft manchmal lange Strecken völlig gerade.  Auf einem Abschnitt konnten wir 20 km weit sehen und dies mit unserem Kilometerzähler nachprüfen: es war eine wie mit einem Lineal gezogene Linie, die sich über eine Niederung zog und im leichten Dunst des Horizontes verschwand.

 

Hier waren wir bereits tief im Landesinneren, wo niedrigwüchsige Vegetation und kaum Wasser zu sehen waren.  Einige Flußläufe besaßen Rinnsale oder Lachen, andere wieder waren staubtrocken.  An Bäumen gab es einige Arten von Eukalyptus, Melaleucabäume mit ihren papierenen Rinden, dazwischen die sogenannten "Grasbäume", deren kurze schwarze Stämme von "Grasbuschen" gekrönt sind.

 

Zwischen den spärlichen Bäumen hockten in regelmäßigen Abständen Termitenhügel verschiedener Größe.  Es sind grazile Bauten, viele mit dünn auslaufenden zackigen Oberkanten, nord-süd gerichtet, weißgrau, andere mit runden Formen, rotbraun.  Einige halten Bäume in ihrer Umklammerung.  Wir waren fasziniert von diesen Bauten.  Sie dominierten die Landschaft, boten Abwechslung, verlockten uns immer wieder zum Photographieren und wenn wir glaubten, Beispiele aller Formen, Farbtönungen, Größen und Anordnungen gesammelt zu haben, tauchten wieder neue auf.

 

Im Bachbett des Stewartflusses hielten wir Mittagsrast.  Es war ein breites Bett aus Sand, doch floß noch etwas Wasser, genug um den Staub vom Körper abzuwaschen.  Aus dem Sand wuchsen Reihen in Stromrichtung niedergebeugter Bäume, Zeugen gewaltiger Fluten zur Regenzeit!  Wir befanden uns bereits in den Hügeln der Great Dividing Range, der Hauptwasserscheide, die sich entlang der Ostküste nach Norden zieht und deren Granitgestein aus Höhen von über 1300 m verhältnismäßig rasch zum Korallenmeer abfällt.

 

Im Gegensatz dazu gleitet an der Westseite weites welliges Land langsam  in die Ebenen mesozoischer und känozoischer Sedimente hinein.  Zum Unterschied von den kurzen schnellfließenden Flüssen der Ostseite sind die der Westseite lange und träge.  Ihre weiten Betten und Kanäle bilden zusammen mit den Becken und Billabongs (Teichen) ein verzweigtes Entwässerungssystem, das während der "Feuchten Saison" alles Land überschwemmt.  Die Trasse nach Norden ist dann unpassierbar.  Den Regenwald der Ostflanke der Wasserscheide gibt es im Westen nicht.  Doch merkten wir beim Erreichen höherer Lagen dichtere vielfältige Vegetation mit tieferem Grün.

 

Einmal sahen wir schon von ferne Rauch; beim Näherkommen fanden wir, daß der ganze Wald qualmte.  Es brannte bis an die Fahrtrasse.  Rauchschwaden verschluckten unsere Sicht und unser Fahrer versuchte im Hin und Her des Rauches den Weg zu finden.  Angeblich legen die Landbesitzer diese Feuer selbst, um das Untergehölz zu verbrennen und die Samen von Eukalyptusbäumen zum Keimen zu bringen.  Diese Samen platzen in der Glut auf.  Die älteren Bäume brennen nicht; nur ihre Rinde verkohlt.  Darum sahen wir meistens Bäume mit schwarzer Rinde.  Die Brände mögen dazu beitragen, daß der Wald schütter ist und das Gras in der Regel weder dicht noch hoch wächst.  Man könnte diese Landschaft leicht durchwandern, hunderte über hunderte von Kilometern.  Im Bereich der Wasserscheide geht es allerdings viel bergauf und bergab.  Wir querten Hügelrücken um Hügelrücken, alle bewaldet und ohne Ansiedlung, so weit wir sehen konnten, Stunde um Stunde.  Manchmal öffnete sich das Land weit und zeigte uns in eindrucksvollen Fernblicken, wie hoch wir fuhren.

 

 

In der Mitte von Nirgendwo

 

Wir erreichten Coen, die Hauptsiedlung dieser Gegend, ein verlassenes Nest am Fuße der Hügel.  Es wehte kühler Wind, die Sonne versteckte sich teils hinter Wolken und dem Nachmittag war damit die Hitze genommen.  Der Wind konnte diese Ansiedlung fast ungehindert durchblasen.  Häuser und Buden standen in weiten Abständen voneinander, die Straßen waren breit.

 

"Was tun die Leute hier?" fragte ich mich unwillkürlich.  Wahrscheinlich versorgen sie die weite Umgebung mit Vorräten.  Es gab Benzin, das unvermeidliche Wirtshaus, zwei Gemischtwarenläden. Über dem einen wucherte ein Strauch, der seine Blätter bis übers Dach streckte und gelbe Blüten trug.  Viele Aborigines waren zu sehen, besonders im Wirtshaus und darum herum.  Die meisten Autos, vierradangetriebene Geländefahrzeuge, waren vor den Läden und dem Wirtshaus geparkt.  Solche Fahrzeuge sind hier so sehr üblich, daß man normale Autos "two-wheel-drives", also "Zweiradantriebfahrzeuge" nennt!

 

Was gab es hier in dieser Stadt an Interessantem?  Was konnte ich hier dramatisch finden, während ich auf unsere Abfahrt wartete?  Das Pfeifen des Windes?  Die sommerliche Luft des hiesigen "Winters"?  Die dösenden Hunde vor dem Krämerladen?  Die sonnengebräunte, burschikose Frau mit den kurzen Haaren, die um hohe Preise unfreundlich ihre Waren verkaufte?  Die angetrunkenen Aborigines, die entweder mit stieren Blicken an die Pfosten des Wirtshausvordaches gelehnt im Staube saßen, oder im Nebenraum der Schenke Billard spielten, oder mit gurgelnden Lauten abgerissene Gespräche führten?  Das war doch alles zu ruhig.  Am nächsten Tag würde es lebendiger werden, denn da würde es ein Wettrennen gefolgt von einem Ball im Stile der Zwanziger Jahre des amerikanischen Westens geben!

 

Es gab unheimlich viel Abfall hier, verstreut über Straßen und Gärten.  Alles Mögliche wird hier einfach weggeworfen, hauptsächlich Bierkannen und Bierflaschen, Plastikbehälter, Papier, Holzstücke - als ob die Ansiedlung ein weiträumiger Abfallplatz wäre.  Doch niemand scheint sich daran zu stoßen.  Vielleicht wird man durch das jahrein jahraus warme Klima so eingelullt, daß man nur das Allernotwendigste tut.

 

Doch gab es auch Schönes.  Die Gehsteige waren nicht aus Asphalt sondern gemähte Rasen, in den Gärten standen buntblühende Bäume und die Hügel, die die weitere Umgebung der Stadt umranden, gaben ihr einen anmutigen Rahmen.  Sogar einige interessante alte Holzhäuser aus der Pionierzeit, deren Stil über das Funktionelle hinausgeht, gab es noch, wenn auch verwahrlost- daneben Wellblechhütten mit rostigen Trinkwasserspeichern, Schuppen, neuere Häuser, in buntem Gemisch.

 

Vor dem Wirtshaus versammelten wir uns zur Abfahrt unserer Fahrzeuge. Die Luft war voll Stimmengewirr der Wirtshausbesucher und unserer Reisegruppe.  Wir fragten Daisy, eine der älteren mitreisenden Frauen, über ihre Jugend und besonders ihr Heranwachsen auf einer Farm in Westaustralien.  Sie und ihr Mann Tim hatten ein bewegtes Leben hinter sich, das sie zuguterletzt nach Queensland geführt hatte, wo sie in einer herrschaftlichen Villa wohnten.  Vor einem Jahr hatten sie diese, zusammen mit Stilmöbeln, komplett eingerichtet, in einer Lotterie gewonnen! 

 

Es gelang mir, heimlich einen Teil von Daisys Schilderung auf Tonband aufzunehmen, was mich wegen ihres urigen australischen Dialektes reizte.  Eine Übersetzung in irgend einen deutschen Dialekt wäre unsinnig, so daß ich im Großen und Ganzen beim Hochdeutsch bleiben muß:

 

"Schließlich bin ich doch in eine richtige Schule gegangen, aber mein Bruder war 12 bevor er in eine Schule gekommen ist..."

"Ein völlig anderer Lebensstil!" bemerkte Klara nachdenklich.

"Mmmm!  S'ist ein Leben an das du zurückdenken kannst und als wirklich gutes Leben in Erinnerung behalten kannst!...Es ist schwer zu glauben,aber am Land mußt du dir deine eigene Unterhaltung schaffen.  Auf den großen "stations" (Betriebszentren der Farmen) haben sie ihre eigenen Tennisplätze.  Und dann waren da auch die Jackaroos ... Wißt ihr was Jackaroos sind?  Nein?  Nun, ein Jackaroo ist jemand wie zum Beispiel.... Wir haben einen Lord auf unserer Station gehabt, Lord S. Er war in England aufgewachsen, so daß sie (seine Verwandten) Pa zahlten, ihm das Leben auf einer "Station" beizubringen. ...um ihn aus England wegzukriegen, weil er ihnen Schande gemacht hatte.  Sie (die englischen Adeligen) haben dafür gezahlt, daß sich jemand um die schwarzen Schafe der Familie kümmerte.  Lord S. hat ziemlich gesoffen und so weiter.  Diese Jackaroos .... wir haben ihnen alles über Schafzucht und so weiter beigebracht.  Die Schäfer und Schafscherer, das waren alles bezahlte Männer, aber die Jackaroos haben damals nur mitgelebt.  Die "Stations" waren nicht so groß wie sie es jetzt sind....Meilen über Meilen über Meilen ....

Du hast den Tisch richtig decken müssen, denn sie (die Jackaroos) haben ordentlich essen müssen und so weiter, alles hat richtig gemacht werden müssen. Und wir haben unseren eigenen Fleischerladen gehabt.

Und sie haben Polo gehabt, wißt ihr, Golfpolo auf Pferden, hahahahaha, ganz ein anderes Leben..."

 

"Wie alt warst du als du die "Station" verlassen hast?" fragte ich.

"Oh, ich war fast zehn, aber ich habe schon reiten können als ich vier Jahre alt war.  Weil auf der Farm, da hast du natürlich die Pferde gehabt.  Ich war 18, als ich während des Krieges nach Victoria gekommen bin ... " Daisy sprudelte alle ihre Worte heraus.

"Sind diese Angehörigen der Adeligen schließlich nach England zurückgekehrt?" unterbrach ich sie.

"Nein, nein, Lord S. auf jeden Fall nicht.  Er hat in eine sehr reiche Familie in Melbourne hineingeheiratet.  Sie haben Rennpferde gehabt und so weiter.  Sir C. hat er geheißen, der Herr, dessen Tochter Lord S. geheiratet hat.  Er hat über die großen Wettrennen in Melbourne präsidiert.  Habt ihr vom Melbourne Cup gehört?  Jaja, Lord S. ist in Australien geblieben, aber er ist schon tot..."

Damit war unsere Unterredung zu Ende, denn wir mußten einsteigen.

 

Unser Nachtlager bereiteten wir auf den bewachsenen Terrassen, die das breite Bett des Archer Flußes säumen.  Der Fluß führte verhältnismäßig viel Wasser, klares Wasser!  Mächtige Sandbänke aus schönem grobkörnigem Sand schmiegten sich zwischen riesengroße abgerundete Granitblöcke.

 

 

Aluminiumstadt am tropischen Golf

 

Es war stockdunkel als wir aufstanden.  Im Norden Queenslands ist der Übergang zwischen Tag und Nacht abrupt.  Unsere Gesellschaft wollte noch vormittag Weipa, das "große Einkaufszentrum" am Golf von Carpentaria erreichen.  Es war Samstag und da waren die Geschäfte nur bis Mittag offen.  Im Morgengrauen lief ich zum Fluß, um zu baden.  Als die Sonne über die Eukalyptusbäume schielte, kletterte ich bereits zum Morgensport auf die Granitblöcke mitten im Flußbett.

 

Als wir unser Gepäck in den Autos verstaut hatten, lief ich gemeinsam mit anderen den Fahrzeugen voraus, atmete den Morgenduft der Eukalyptusbäume ein und lauschte den Vogelrufen. Bei einem Termitenhügel blieben wir stehen. Dort arbeiteten Tausende der Insekten an seiner Erweiterung.

 

Bald holten uns die Fahrzeuge ein.  Klara und ich sollten heute in einem Auto fahren, dem am Vortag ein Stein ein rückwärtiges Fenster zerschlagen hatte.  Dort entstand beim Fahren beträchtlicher Sog und der rostbraune Staub wirbelte ungehindert ins Fahrzeug hinein.  Staub, überall Staub!  Jedes Fahrzeug zog einen langen Schweif davon hinter sich her und konnte Straße und Umgebung für lange, lange Sekunden völlig verschwinden lassen.  Manchmal blieb Fahrern bei Begegnungen mit entgegenkommenden Fahrzeugen nichts anderes übrig als anzuhalten, um nicht von der Straße abzukommen.

 

Auf einmal stand da ein Schild: "Willkommen in Weipa".  Doch ging es noch lange, Kilometer um Kilometer dahin, ohne ein Zeichen der angekündigten Ansiedlung.  Dann näherten wir uns einer vermeintlichen Eisenbahnkreuzung: ein blinkendes Rotlicht vor einem dammähnlichen Straßenübergang.  Wir hielten bei der „STOP“-tafel an und sahen anstelle von Geleisen eine breite, makellos glatte und ebene Fahrbahn aus festgewalztem Sand, gesperrt für den allgemeinen Verkehr.  Solche Autobahnen baut die Verwaltung der Weipa Bauxitmine für ihre Mineralientransportfahrzeuge, enorme Lastwägen, die gewaltige Geschwindigkeiten entwickeln, ja fast dahinfliegen.  Diese bleiben nicht stehen; sie könnten gar nicht zeitgerecht bremsen und würden alles zermalmen, was in ihrem Weg ist.

 

Wir waren tatsächlich schon um 11 h im Motorcamp von Weipa, doch zögerte ich mit dem Einkaufsbummel.  Ich war nur mit einem kurzen Höschen bekleidet gewesen.  Dessen weiße Farbe hatte sich in ein gleichmäßiges Rostbraun verwandelt.  Meine Haut war ebenso schön gebräunt.  Schade, daß diese Farbe sich leicht abwischte!  Der Staub hatte sich sogar in unsere Haare festgefressen, so daß sie sich anfühlten, als ob sie mit Haarspray behandelt worden wären.

 

Ich lief schnell zu den Duschen, wusch mich und meine Hose und zog diese naß wieder an.  Hier in Weipa war es so heiß, daß wir für jede Feuchtigkeit, jeden Strahl Wasser dankbar waren.  Ich rannte auch gerne durch die Wasserstrahlen der Rasenbewässerungsgeräte. 

 

Weipa steht auf dem Gelände einer ehemaligen Bauxitgrube, wo das aluminiumhältige Mineral im Tagbau gewonnen wurde.  Erst 1956 entdeckte man es als ertragreichen Bestandteil der roten Klippen dieser Gegend.  Comalco, die Bergbaugesellschaft, begann bald darauf mit der Förderung und florierte.  Das Unternehmen wurde großzügig ausgebaut.  Nunmehr hat sich die Bauxitgewinnung nach Andoom, nördlich von Weipa, verlagert. 

 

Comalco zeigt stolz die Resultate ihrer landschaftlichen Gestaltung und der Erneuerung der Pflanzendecke um die heutige Bergarbeiterstadt.  Deren Häuser und Anlagen sind in eine Parklandschaft eingefügt und umgeben von heranwachsendem einheimischen Wald.  Es gibt breite Straßen und Plätze, Erholungsanlagen wie Golf- und Tennisplätze, ein Schwimmbad.  Die rund 2500 Einwohner arbeiten alle direkt oder indirekt für Comalco.  Es gibt eigene Quartiere für unverheiratete Männer und Frauen und Einfamilienhäuser für Ehepaare und Familien.  Alle Häuser sind so gebaut, daß sie einem der hier nicht seltenen Hurrikane widerstehen können.  Die Gehälter sind hoch und die Leute haben alle Einrichtungen, die sie in einem so abgelegenen Ort erwarten können.  Doch ist das Klima schwer zu ertragen, besonders während der heißen und schwülen Regenzeit.

 

Unsere Fahrer wollten uns Andoom zeigen, doch fanden wir, daß die Gegend um die Grube für Nichtbeschäftigte gesperrt war und es samstags keine Führungen gab.  Wir konnten aber an den Verarbeitungsanlagen von Lorim Point südlich von Weipa vorbeifahren.  Dort wird der Bauxit gewaschen, sortiert, getrocknet und auf Schiffe verladen, die ihn zu den Elektrolyseschmelzöfen in anderen Teilen Australiens bringen. Nur Schiffe mit geringem Tiefgang können in die verhältnismäßig kleine seichte Bucht, die Albatross Bay, hinein. Ein ausgebaggerter Kanal führt zur Anlegestelle.

 

Die mächtigen Tagbaumaschinen haben wir zu unserer Enttäuschung nicht sehen können, doch bestaunten wir die riesigen Transportfahrzeuge, deren Räder Durchmesser von drei Metern haben!

 

Auf der Rückkehr von der Besichtigungsfahrt hielten wir dankbar bei einem von zwei künstlichen Seen an.  Diese waren von Rasen und schattenspendenden Bäumen umrandet und dienten offenbar der Erholung.  Zwar waren sie seicht und ihr Grund war schlammig, doch war das Wasser sehr warm und angenehm zum Baden. 

 

Als es dämmerte, gingen Klara und ich zum Strand, um ein überwältigendes Schauspiel zu beobachten:  die Sonne versank dunkelrot als große Scheibe hinter einer fernen Küstenlinie.  Leider war diese Zeit der herannahenden Nacht auch Schwarmzeit der Mücken, so daß wir uns bald zu unserem Lagerplatz und dem schützenden Lagerfeuer zurückzogen.

 

 

Über Stock und Stein und durchs Wasser

 

Es folgte ein warmer sonniger Sonntagmorgen.  Klara und ich liefen zu einem der künstlichen Seen, um zu baden und wir blieben dort, bis uns die Autos unserer Safari abholten.  Vor der Weiterfahrt gab es allerdings den Mittvormittagsimbiß, "Morning Tea" genannt.  Wir fuhren auf der alten Straße, die Weipa mit der „Kap York Erschließungsstraße“ verbindet, weiter nordwärts.  Da dieser Weg gerade so breit war wie unsere Fahrzeuge, so schien es, als ob wir weglos durch den Eukalyptuswald flögen. 

 

Die „Erschließungsstraße“ war breiter, aber nicht viel besser. Dort wo sie den Wenlock Fluß überquert, flossen damals etwa ein-dreiviertel Meter Wasser - also brauchte man auf alle Fälle Vierradantrieb; ein normales Auto wäre nicht durchgekommen.  Dort stand auch ein Zelt zum Verkauf von Postkarten, bedruckten Sportleibchen, Broschüren und Gegenständen eingeborener Kunst.  Daneben konnten wir den Gipsabguß eines großen Krokodils bestaunen, das 1972 erlegt wurde.  Es war über vier Meter lang gewesen und soll 100 Jahre alt geworden sein. 

 

Wir schwammen und aßen zu Mittag - doch war die Umgebung der gegenwärtigen Furt ein beliebter und daher belebter Rastplatz, so daß wir es vorzogen, zur ehemaligen Furt zu fahren, wo wir unter uns waren.  Der Fluß wurde von breiten ebenen Sandbänken begleitet.  An den Ufern standen hohe Eukalyptusbäume mit Gebüsch dazwischen.  Hier stellten wir unsere Zelte auf, badeten, lagen im Sand und erforschten die Umgebung.  Ein Stück flußaufwärts gab es nur die Gesellschaft der Vögel, die immer wieder ihre Rufe erklingen ließen. 

 

Vom Wenlock Fluß ab nach Norden wurde die Erschließungsstraße offiziell überhaupt nicht mehr instand gehalten.  Das hätte ich von dem südlichen Teil auch leicht glauben können, doch nun war die Trasse viel schwerer befahrbar.  Sie wurde praktisch durch den Verkehr der Geländefahrzeuge offen gehalten, die auf ihr bis zur äußersten Spitze des Kaps fuhren und dabei etliche schwierige Bachbette überqueren mußten. 

 

Die Fahrtrasse zwängte sich durch dichten Busch.  Da erschien auch wirklich einmal urplötzlich gerade vor uns ein Gegenfahrzeug.  Rick, unser Fahrer, riß das Lenkrad geistesgegenwärtig und energisch nach links, so daß wir in die dünnstämmigen jungen Eukalyptusbäume breschten.  Sie wurden durch das unser Auto umschließende Eisengestell umgepflügt.  Der Fahrer des Gegenfahrzeuges tat Ähnliches und so plötzlich, wie wir einander begegnet waren, stoben wir wieder auseinander. 

 

Am Dulhunty Fluß machten wir Mittagsrast.  Hier floß das Wasser über eine große Steinplatte und bildete darunter einen kleinen Wasserfall.  Dort gab es ein tiefes Becken, allerdings mit rauhen Felsen, an denen ich mir eine Zehe blutig schlug.  Wir schwammen bis unter den Wasserfall und ließen uns die dichten Wasserstrahlen auf die Schultern prallen.  Fast ungern setzten wir unsere Reise fort.  Wir bewegten uns nun hinauf auf eine Hochebene, von der wir sowohl nach Osten wie nach Westen weite Ausblicke hatten. 

 

Unser Nachtlager schlugen wir am Cockatoo Fluß auf, an einer schönen Stelle, die eine ruhige and tiefe Flußstrecke übersieht.  Es war die bisher beste Schwimmstelle.  Sie begann unterhalb einer den Fluß querenden Gesteinskante, wo das Wasser eine niedrige Kaskade bildete, und endete etwa 50 m weiter in einer sandigen Untiefe. Der Wald erstreckte sich auf beiden Ufern flußauf- und abwärts und ich bin sicher, daß man dort dem Fluß entlang wandern kann, so weit man will, ohne „Ende“, ohne auf größere Hindernisse zu stoßen.  Die Bäume sind hoch, aber das Untergehölz ist schütter.  Das meiste Kapgebiet ist eine unendlich scheinende Wildnis verschiedener Eukalyptusbäume, die über Hügel und Ebenen hinziehen, mit wenigen menschlichen Behausungen und geringer menschlicher Tätigkeit.

 

Am nächsten Morgen waren wir wieder unterwegs, auf unserem holprigen Weg, der heute besonders viele Bachbetten querte, in deren Umgebung die Landschaft aber immer besonders malerisch war.  Nach der Regenperiode müssen Fahrer hier mit vielen Hindernissen rechnen.  Es gibt umgefallene Bäume, vom abfließenden Wasser zurückgelassene tiefe Gräben, veränderte Furte.  Mit Motorsägen schneiden dann die ersten Benützer der Trasse neue Schneisen durch den Busch oder füllen Gräben und Löcher.  Auch jetzt in der trockenen Zeit suchten wir oft unseren Weg und wählten zwischen verschiedenen Fahrspuren.  Es ist kaum glaublich, daß in einer nahezu flachen Landschaft Wasser solche tiefe Auswaschungen hervorbringen kann.

 

Dort wo die Fahrtrasse Bäche überquert, gibt es immer Lagerstellen, manchmal sogar einen Unterstand: ein Dach auf Pfosten, ohne Wände.  Dort könnte man seinen Schlafsack ausbreiten.  Leider sind diese Stellen mit Unrat verseucht und oft werden ganze Säcke oder Blechtrommeln voll Abfall an den Straßenrand geworfen, Abhänge hinuntergerollt oder in Auswaschungen gestopft.  Schade!

 

In einem der Bäche gurgelte das Wasser aus einem tiefen steinernen Becken über eine flache Steinplatte einen Wasserfall hinunter.  Diese Steinplatte war gerade breit genug, daß ein Fahrzeug drüberrollen konnte.  Ein kleiner Lenkfehler konnte große Folgen haben!

 

 

Abenteuer im Jardine

 

Zu Mittag erreichten wir den Jardine Fluß, einen der mächtigsten Flüsse des Kapgebietes, auch in der Trockenzeit fast zweihundert Meter breit und so tief, daß eine Überquerung mit einem Fahrzeug nicht immer möglich ist.  Darum gibt es dort neben der Furt eine Fähre.  Wir wollten dennoch versuchen, den Fluß in traditioneller Weise wenigstens mit einem unserer Fahrzeuge zu überqueren.  Die Tiefe des Flusses wechselte zwischen Knie- und Brusthöhe, so daß eine erfolgreiche Querung von sorgfältiger Erkundung des Flußbettes abhing.  Noch dazu war die Strömung stark und die jenseitige Ausfahrtsstelle lag flußaufwärts.

 

Unsere Fahrer, denen sich etliche Kühlungsuchende anschlossen, wateten zunächst im Fluß umher, um sich die Geographie des Grundes einzuprägen.  Das Urteil lautete: ein Durchfahren ist möglich!  Doch mußten wir Vorsichtsmaßnahmen treffen.  Rick führte das eine der Fahrzeuge, das eine starke Winde besaß, mit der Fähre auf die drübere Seite.  Das zweite Fahrzeug blieb herüben.  Dann kehrte Rick zurück, um selbst das dritte, das älteste unserer Fahrzeuge, über den Fluß zu manövrieren.  Ich hatte mich, zusammen mit anderen Photographierenden, in der Nähe der Ausfahrtsstelle postiert, um das Schauspiel zu filmen.  Doch das Drama begann früher und weiter weg von uns als wir gedacht hatten.

 

Rick hatte den Luftdruck in den Reifen auf etwa die Hälfte reduziert, damit sich die Räder nicht leicht in den Sand des Flußbettes eingraben sollten.  Um die Schnauze des Fahrzeuges hatte er eine Leinenumhüllung gebunden, um den Motor so weit wie möglich vor Überspülung zu schützen.  Den Auspuff hatte er mit einer „Schnorchel“ versehen. Nun lenkte er das Fahrzeug vorsichtig ins Wasser. Er preßte seine Lippen zusammen, als sich die Motorhaube beim Verlassen des Ufers zur Wasseroberfläche kippte.  Hier gab es eine Delle zu queren; zwei Meter weiter hob sich der Flußgrund wieder und ein Sandrücken verlief parallel zum Ufer.  Das Auto wühlte sich durch die Fluten, die Räder langten nach dem höheren Grund. 

 

Vorsichtig, fast zärtlich, erhöhte Rick den Druck aufs Gaspedal und dann merkte er unter Aufatmen, wie sich das Fahrzeug aufrichtete und die Motorhaube halb aus dem Wasser tauchte.  Nun mühte sich das Fahrzeug gegen die Strömung.  Rick warf einen Blick nach hinten.  Der Schnorchel paffte beruhigend oberhalb der Wasseroberfläche.  Rick spürte das Zerren der Strömung und langsam, entnervend langsam, schob sich das nahe Ufer vorbei.  Den Wasserdruck fühlte Rick durch das Gaspedal, das er sorgfältig betätigte.  Auch schien er durch das Fahrzeug hindurch, durch die Räder, die Wassertiefe zu ertasten.  Er lauschte beunruhigt auf das gequälte Keuchen des Motors.  Noch schien das Fahrzeug nicht genug flußaufwärts gelangt zu sein, um bei der Querung nicht zu sehr abgetrieben zu werden. 

 

Es war nötig, den Sandrücken so weit wie möglich flußaufwärts zu verfolgen, bis er sich der Flußmitte zuwandte und dem Fahrzeug erlauben würde, höheren Grund zu erreichen.  Unweit der Ausfahrtsstelle senkte sich der Grund zwar wieder, doch dort stand das Fahrzeug mit der Winde bereit, für den Fall, daß das querende Auto absaufen sollte.

 

Wie weit konnte Rick noch dem herüberen Ufer folgen?  Vielleicht noch einen Meter, oder noch einen?  Da spürte er plötzlich wie die rechte Fahrzeugseite absackte.  Erschrocken ging er vom Gas zurück und drückte die Vorderräder sanft nach links.  Die rechten Räder hatten bereits den höheren Grund verlassen, aber er hoffte, daß die Strömung das Fahrzeug auf den Sandrücken zurückstoßen möchte.  Hier gings nicht weiter!  Nun mußte er die Querung einleiten.  Aufgeregt spürte er das Durchdrehen der Räder.  Irgendwie waren die linken Räder nun auch abgesackt.  Rick gab mehr Gas und suchte mit der Lenkung nach dem höheren Grund.  Schweißtropfen perlten von seinem Gesicht.  Das Fahrzeug war seitlich zur Strömung fast zum Stillstand gekommen.  Der Motor begann zu stottern und starb schließlich ab.  "Verdammt!" keuchte Rick und spürte wie seine Schultern von der Anspannung fast schmerzten.  "Verdammt!!" 

 

Ich hatte den Fortschritt des Fahrzeuges von ferne mit angehaltenem Atem beobachtet.  Sobald ich hörte, daß der Motor stehen geblieben war, begann ich eilig über den Fluß zurück zu waten. Es hieß rasch zu handeln, wenn wir das Auto nicht verlieren wollten. Michael und Arch, stämmige austalische Gefährten, kamen mit mir.

 

Rick merkte, wie die Strömung sein Fahrzeug weiter in den Sand eingrub; das Wasser war bis über den Fahrersitz gestiegen.  Blitzschnell überlegte er die Sachlage.  Das Auto mit der Winde war am jenseitigen Ufer, so gut wie unerreichbar.  Das diesseitige Auto hatte wohl auch ein Drahtseil, das aber nur zum Ziehen verwendet werden konnte.  Dazu war das abgesoffene Auto bereits etwa 50 m von der Einfahrstelle entfernt.  Dort und nur dort konnte es wieder herausgezogen werden.  Das Ufer war sonst dicht mit Büschen und Bäumen bewachsen.  Das Zurückziehen mußte also parallel zum Ufer erfolgen. 

 

Noel und Mat, die vergeblich versucht hatten, durch Schieben dem absterbenden Motor zu helfen, schätzten offenbar die Lage ähnlich wie Rick ein, denn sie warteten kaum auf seine Anweisungen, sondern begannen zum Ufer zurückzueilen.  "Du bleib bei mir, Mat!" brüllte Rick.  "Noel, fahr dein Auto soweit hier her wie möglich!"

 

Es dauerte eine Stunde oder länger, das überflutete Auto mittels Drahtseil und Noels Fahrzeug stückweise entlang dem Ufer zurückzuziehen.  Doch konnte Noel natürlich nur seitwärts, dem Ufer zu, ziehen.  Obwohl er das Drahtseil um Stämme der Uferbäume führte, wäre das abgesoffene Auto in das Geäst am Uferrand hineingezogen worden.  Rick, Michael, Arch und ich mußten also das Auto immer wieder vom Uferrand wegstemmen.  Es war ein heißer Tag und wir schwitzten, obwohl wir bis zu unseren Hüften im Wasser standen.  Als dann das Auto wieder auf trockenem Land war, begann Mats Arbeit.  Er mußte den Motor und das Motoröl trocknen, bevor wir unsere Fahrt fortsetzen konnten. 

 

 

Im äußersten Norden des Kontinents

 

Wir kamen ziemlich spät zu unserem Nachtlager im Punsand Bay Camp, das an einem weiten weißen Sandstrand in unmittelbarer Nähe der Spitze von Kap York liegt.  Vom Strand sahen wir im Dunst des sich verdunkelnden Horizontes einige Inseln der Torres Straße liegen.  Diese trennt Australien von Neuguinea.

"Herrlich!" rief ich aus. 

Tom und Katrina, ein junges Paar aus Sydney, wandten sich mir zu und Tom neckte mich: "Du fürchtest dich zwar nicht vor Krokodilen, aber ich würde dir trotzdem nicht raten, hier zu schwimmen!"

"Was heißt, ich fürchte mich nicht vor Krokodilen?" fragte ich erstaunt. "Na, du bist doch im Jardine Fluß einem vor der Nase herumgeschwommen!" "Mach' keine blöden Witze!"

"Als wir die Fahrzeuge mit der Fähre über den Fluß brachten, bist du doch den Fluß hinuntergeschwommen.  Dort soll es ein Krokodil geben."

"Wer hat das gesagt?"

"Die Frau des Fährmannes, die Andenken verkauft."

 

Da Tom offenbar nicht zu scherzen schien, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken. 

"Na ja, sie auch gesagt, daß das Krokodil schon seit zehn Jahren dort lebt und noch niemanden angegriffen hat.  Es scheut den Lärm um die Fähre herum."

Ich nahm diese beruhigenden Worte mit gemischten Gefühlen auf. 

 

Beim Lagerfeuer redete Noel über die Situation in Punsand Bay.  Er hatte mit dem Lageraufseher gesprochen.  Wir könnten hier ohne große Gefahr im Meer baden, hieß es, solange wir in der Nähe des Lagerplatzes blieben und nicht zu weit ins Meer hinausschwimmen wollten.  Es gäbe etwa 20 bis 30 m vom Ufer eine Sandbank unter der Meeresoberfläche.  Bis zu dieser kämen manchmal Haie.  Krokodile gäbe es erst in der Nähe der Mangroven an einem Ende der Bucht.  Na ja!

 

Gerade als wir unser Abendmahl beendeten, huschte ein rattengroßes Tier unter den Küchentisch und suchte offensichtlich nach Essensresten.

„Ein Bandicot!“ sagte Noel.

„Das bewegt sich ja wie ein Känguruh,“ fand ich, erstaunt.

„Es gehört auch zur Familie der Beuteltiere,“ erklärte Noel weiter. Da hörte ich Stimmengewirr.  Taschenlampen zuckten durcheinander. 

"Die suchen etwas!" meinte Klara.

"Bill hat seine Zähne verloren," hörten wir später.  Ich mußte lachen, aber es war kein Scherz.  Bill hatte im Waschkiosk sein Gebiß geputzt und dann in seine Hosentasche gesteckt.  Als er zu seinem Zelt zurückgekommen war, hatte er die Zähne nicht mehr finden können. 

"Vielleicht sfind sfie am Rückweg herausfgefallen..?" nuschelte er.  Leider konnte er sich nicht mehr genau an seinen Rückweg zum Zelt erinnern und da es etliche Varianten gab, krochen wir im weiten Umkreis zwischen Büschen und Bäumen herum, vorsichtig, um nicht zufällig eine Schlange zu überraschen.  Doch der Schein unserer Taschenlampen verzerrte die Gestalten aller beleuchteten Gegenstände und auch das Stochern im tiefen Sand des Wegrandes brachte keinen Erfolg.  Am nächsten Morgen ging die Suche weiter, doch blieb das Gebiß verschwunden.  Bill bewahrte seinen Gleichmut: "Ich musff ja nichtsf hartesf esffen" meinte er.

 

Ich habe bereits erwähnt, daß ein Großteil der Reisegruppe ältere Leute waren, die ich anfänglich mit gewissem Argwohn betrachtet hatte. Doch nun hatte sich bereits gezeigt, daß es jüngere Leute wie Tom und Katrina waren, die gelegentlich Unzufriedenheit ausdrückten.  Die älteren waren und blieben geduldig, waren immer zur Hilfe bereit und immer zeitgerecht, obwohl es sogar Leute mit gesundheitlichen Beschwerden unter ihnen gab.  Ich fragte Bill, wieso er denn gerade mit dieser Tour fahren wollte. 

"Weil ich mit dem Herz zu tun habe!  Die anderen Tourenunternehmer hätten ein ärztliches Attest verlangt."

 

Eine ältere Frau war Asthmatikerin und hustete jeden Morgen wie ein Schloßhund.  Sie saß dennoch, als ob das ganz selbstverständlich wäre, wie jeder andere im staubigen Zugwind der Fahrzeuge.  Wenn es notwendig war, inhalierte sie verstohlen aus einer Aerosolsprühdose und wenn der Staub zu dick wurde, hielt sie sich ein Tuch vor die Nase.

 

Tom war der Wortführer der unzufriedenen jüngeren Leute.  Diese hatten das Urteil gefällt: diese Safari ist ein richtiges Cowboy-unternehmen, nicht gut organisiert und stümperhaft ausgeführt.  Mir spielte das keine Rolle, doch war ich um das Verhältnis zwischen unseren Betreuern und der Gruppe besorgt.  Ich warnte Tom vor offener Kritik, da unsere Fahrer und die Köchin wirklich ihr Bestes taten.  Es wären einige grundlegende Verbesserungen nötig, die aber nicht unterwegs gemacht werden könnten und er solle doch seine Vorschläge nach Beendigung der Safari der Direktion des Unternehmens nahelegen. 

 

Leider folgte Tom meinem Rat nicht, sondern suchte eine Gelegenheit, um im Namen der Gruppe seine Kritik dem Safarileiter Noel mitzuteilen.  Das führte, wie ich erwartet hatte, zu Mißstimmung zwischen unseren Betreuern und der Reisegesellschaft, so daß im weiteren Verlauf der Reise peinliche Situationen entstanden.

 

Als Klara und ich uns überzeugt hatten, daß wir Bills Gebiß nicht finden würden, gingen wir zum Strand.  Immer wenn die Morgensonne durch die Wolken brach, glänzte der Sandstrand weißgolden auf und das Laub des Eukalyptuswaldes dahinter nahm einen metallischen Schein an.  Wir schlenderten zu einer ins Meer stechenden felsigen Landzunge.  Tim hatte dort bereits zeitig am Morgen gefischt.  Das Wrack eines großen Fischerbootes saß mit aufgebrochenem Bauch eingebettet im Sand und klammerte sich an den Rand des Küstenwaldes.  Um die felsige Landzunge herum wucherten die Mangroven, deren Krokodilen wir uns fernhalten sollten.

 

Es war ein Mittwoch im August, der große Tag, an dem wir den nördlichsten Punkt unserer Reise, die Thursday Insel (Donnerstag Insel), erreichen sollten.  Als wir über die See schauten, graublau wegen des bewölkten Himmels, konnten wir im Nordwesten einige Inseln genau unterscheiden.  Wir sahen Horn Island und Prince of Wales Island, Inseln von etwa gleicher Größe.  Hinter ihnen verborgen liegt die wesentlich kleinere Thursday Insel.

 

 

Die Donnerstag Insel

 

Das Boot, das uns zum Ausflug auf die Thursday Insel abholen sollte, näherte sich erstaunlich schnell.  Ich hatte mir gerade eine Tasse Kaffee bereitet, da sah ich es bereits einen fernen Küstenvorsprung umrunden.  Ein paar Minuten später blieb es dicht vor der sandigen Untiefe, die unserem Strand vorgelagert war, liegen und wir wurden mit einem Gummiboot mit Außenbordmotor abgeholt.  Aus Platzmangel an Bord war es nötig gewesen, unsere Gruppe zu teilen.  Klara und ich fuhren mit der zweiten Partie, wodurch unsere Besichtigung in die heiße Tagesmitte und unsere Rückkehr in die Zeit der kühlen Abendbrisen fiel. Die Fahrt übers völlig ruhige Meer war allerdings angenehm kühl, teils sonnig, teils überschattet von drohenden Wolkenbänken.  Langsam löste sich Thursday Island von seinem Versteck hinter Horn Island und Prince of Wales Island.

 

Die kleine Thursday Insel versorgt die Einwohner der Torres Straße mit Vorräten und Dienstleistungen.  Der Grund ist wohl in seiner strategischen Lage zu suchen.  Diese wird durch ansehliche Befestigungsanlagen auf einer seiner Anhöhen hervorgehoben.  Dorthin führte uns ein klappriger Besichtigungsbus auf unserer Rundfahrt um die Insel.  Die Festung wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet und besteht aus starken Betonwällen und einem Netz von Korridoren und Kammern, die zum Teil unterirdisch verlaufen und durch dicken Stahlbeton geschützt sind.  Die Luft in den unterirdischen Bunkern ist recht kühl.  Es war eine gewaltige Arbeit, diese Räumlichkeiten aus dem Felsen mittels Spitzhacke und Schaufel herauszuschlagen.

 

Die Festung bietet einen ausgezeichneten Rundblick. Auf ihren Wällen weisen in die Himmelsrichtungen vier Kanonen, so daß sie sämtliche Durchfahrten zwischen den benachbarten Inseln beherrschen.  Die Geschütze sind in gutem Zustand und es heißt, wohl im Scherz, daß sie notfalls auch gefeuert werden könnten. 

 

Eine besonders wichtige Rolle spielt meiner Meinung nach das Spital der Insel.  Dazu gibt es ein Postamt, eine Bank, verschiedene Kaufläden und Hotels.  Seit einiger Zeit kann die Insel Rundfunksendungen empfangen.  Das Fernsehen wird durch Videoaufnahmen ersetzt.  Welch Fortschritt!  Die kleine Insel bietet nur einer begrenzten Zahl von Einwohnern Platz und Hauspreise sind hoch.  Für die meisten Europäer, die hier arbeiten, ist es ein vorübergehender Aufenthaltsort.

 

Wir fanden Thursday Island eher öde und verwahrlost.  Wegen dem Mangel an Wasser gibt es keine gepflegten und üppigen Gärten.  Die Pflanzen vegetieren so gut es geht in struppigem Durcheinander und wir fanden wenig Malerisches auf der Insel selbst, obwohl das Klima an einen sonnigen Winkel im Mittelmeer erinnern könnte.

 

Der Reiz dieser Gegend liegt an der Vielfalt der Inseln, umarmt vom Meer, dem grün-blauen Farben-Schattenspiel am Wasser, dem tiefblauen Sonnenhimmel mit feisten Wolkenballen und an der tropischen Vegetation, die einige Inseln überwuchert.  Mit einiger Mühe und Planung könnte Thursday Island viel an Schönheit und Anmut gewinnen.

 

Das Hauptproblem der Torres Strait Inseln ist ihre Wasserarmut.  Außerhalb der feuchten Jahreszeit bekommen sie kaum Regen.  Wo dieser nicht in Speichern aufgefangen wird, dringt er sofort in den Boden ein und fließt zum nahen Meer ab.  Thursday Island hat enorme betonierte schalenförmige Wasserspeicher, aber viele Inseln verfügen nur über geringe Speichermöglichkeiten.  Manche der kleineren Inseln sind überhaupt unbewohnt.  Einige sind Reservate, wo selbst Kampieren unerlaubt ist.

 

Als Klara und ich die hitzeerfüllte Hauptstraße hinunterschlenderten und dabei den Schatten von Vordächern suchten, trafen wir kaum auf Autos und wenn, dann fuhren sie gemächlich und unbekümmert in der Mitte der breiten Straße.  Insulaner, schokoladebraun, mit breiten Nasen und müden Augen, faulenzten im Schatten von Geschäftsarkaden, allein oder in Gruppen.  Ihre Kleidung war malerisch zusammengestoppelt und fadenscheinig.  Es lag eine Verlorenheit über dieser Ansiedlung, die keinen Wunsch zum längeren Verweilen aufkommen ließ.

 

Die übliche Verkehrverbindung mit dem Festland wird durch eine Fähre hergestellt.  Diese geht nach Bamaga, einer hauptsächlich von Torres Strait Insulanern bewohnten Niederlassung, wobei die Überfuhr etwa drei Stunden dauert.  Das Boot, mit dem wir gekommen waren, diente eher Touristen und legte den Weg von Punsand Bay in knapp über einer Stunde zurück, war aber viel teurer als die Fähre.  Da es in der unmittelbaren Nachbarschaft von Thursday Island, auf Horn Island, einen Flugplatz gibt, hat man auch die Möglichkeit einer Flugverbindung. 

 

Nachdem ich den größten Teil unserer Reise in Badehosen zurückgelegt hatte, empfand ich es bereits als vornehm, mich in kurze Hose und Sportleibchen zu kleiden, um an einem gemeinsamen Mahl im sogenannten "Grand Hotel" teilzunehmen. Dieses Grand Hotel war ein ganz biederes Wirtshaus, wo wir auf der lüftigen Veranda ein ausgezeichnetes Gericht aus Fisch-und Muschelarten verspeisten.  Darnach zogen sich Klara und ich ins Postamt zurück, wo wir Kartengrüße in großer Masse produzierten.  Nach einigen kleinen Einkäufen hatten wir gerade genug Zeit für einen kurzen Spaziergang am Meer zurück zu unserem Boot.

 

Unserer Rückfahrt nach Punsand Bay blieb die Sonne treu bis sie unterging.  Gerade bevor wir zu unserer Bucht zurückkamen, gab es ein kleines Drama.  Der Motor des Bootes stockte und ich dachte an etwas Unerwartetes.  In der Tat!  Eine Schule Makrelen zerpflügte dichtgedrängt das Wasser!  Unser Skipper geriet in große Aufregung, fragte uns, ob wir 10 Minuten Zeit hätten und holte zwei Angelruten heraus, die er in Halterungen am Heck des Bootes steckte.  Er wollte noch schnell eine zusätzliche Angelleine holen, da biß bereits ein großer Fisch an und zerrte an der Leine.  Die Frau des Skippers hatte das Boot langsam weiterlaufen lassen, bremste aber nicht schnell genug, als der Fisch anbiß.  Obwohl der Skipper förmlich einen Hechtsprung zur Leine machte - wobei ihm leider einer unserer älteren Passagiere im Wege stand - kam er zu spät.  Der Fisch riß die Rute aus der Halterung, brach sie entzwei und verschwand zusammen mit Leine und halber Rute auf Nimmerwiedersehen!

 

Die Trockenzeit dieses Jahres war angeblich abnormal.  Wir sollten trockenes und heißes Wetter haben, doch war es weder drückend heiß noch besonders sonnig.  Als wir zurück zu unserem Lagerplatz kamen, um das Nachtmahl vorzubereiten, begann es zu tröpfeln, so daß wir über dem Koch- und Eßplatz eine große Zeltplane aufspannten. 

 

Am nächsten Morgen regnete es.  Wir brachen auf, um die Spitze des Kaps zu besuchen und da besserte sich glücklicherweise das Wetter.  Der Ausflug über das Vorgebirge zum Aussichtspunkt auf den nördlichsten Zipfel des australischen Kontinents machte uns Spaß.  An dieser wasserumtosten Spitze trifft sich die Arafurasee im Westen mit dem Korallenmeer im Osten. Eine Metallscheibe zeigt die Entfernungen zu verschiedenen Örtlichkeiten und ich fand erstaunt, daß Brisbane von dort fast halb so weit entfernt ist wie Wellington!

 

Wir stiegen natürlich auch zum Wasser hinunter.  Dort flutete die See durch eine Passage, die das Festland von zwei vorgelagerten Inselchen trennt.  Die Gezeitenströmung ist hier so stark, daß sich Haie gerne beim Ausfluß des Kanals postieren, um zugeschwemmte Fische als leichtgewonnene Beute zu ernten. 

 

 

Bamaga, Jackey-Jackey und Somerset

 

Bamaga war regennaß, als wir einfuhren. Regen ist in dieser Gegend nicht selten.  Diese Gemeinde, die größte im nördlichen Kapgebiet, ist in üppige Vegetation eingebettet.  Die Häuser stehen etwas von der Straße zurückversetzt in ansehlichen Gärten und zeugen davon, daß diese Gemeinschaft von Torres Strait Insulanern sich um ihre Heimstätten kümmert.  Die breite Hauptstraße führt zu einem Einkaufszentrum und dem gegenüberliegenden Wirtshaus in der Mitte der Ansiedlung.  Die Geschäftslokale umgeben auf drei Seiten einen großen Hof mit einem Springbrunnen, der mit einer aus Holz geschnitzten Figur geschmückt ist. 

 

In diesem Einkaufszentrum ergänzten wir unsere Vorräte, blieben dann aber wegen eines Wolkenbruchs fast eine Stunde stecken.  Sobald sich das Niederprasseln des Regens etwas beruhigt hatte, sprangen wir zu unseren Fahrzeugen.  Das genügte, um uns bis auf die Haut zu durchnässen und wir setzten unsere Fahrt in dampfender Kleidung fort.  Ich selbst war kaum betroffen, denn meine Bekleidung bestand wieder nur aus einer winzigen Badehose.  Wie sehr hat doch die in diese warmen Gegenden eingeführte unnötige europäische Kleidung das Leben verkompliziert! 

 

Es regnete beharrlich weiter, während wir in Richtung des Jackey-Jackey Flugplatzes fuhren.  Grauer Nebel lag matt in den Wipfeln der Bäume und blockte jeden Ausblick.  Jackey-Jackey wird immer noch verwendet, besonders von der Küstenwache und den Flugzeugen, die hinüber zur Horn Insel fliegen.  Während des zweiten Weltkrieges war dieses Flugfeld von besonderer strategischer Bedeutung und in dauernder Gefahr, von den Japanern angegriffen zu werden.

 

Nicht weit davon ist der Schauplatz eines Flugzeugabsturzes.  Dort liegt der ausgebrannte Rumpf eines Flugzeuges innerhalb einer Umzäunung zum Gedenken an die in ihm umgekommenen Männer.  Eine Gedenktafel ließ uns wissen, daß diese Maschine der australischen Luftwaffe während des Krieges Jackey-Jackey unangemeldet anflog.  Das Flughafenpersonal fürchtete, daß es sich um einen japanischen Kampfflieger handelte und löschte alle Lichter aus.  Damit war der Pilot zu einer Notlandung gezwungen und seine Maschine zerbrach brennend im Busch. 

 

Zu Mittag hatten wir Somerset erreicht.  Glücklicherweise schien für uns wieder die Sonne, während wir uns die Überreste dieser einstmals wichtigen Heimstätte der Jardine Familie ansahen.  Somerset wurde 1864 auf Verlangen des Gouverneurs von Queensland errichtet.  Diese Niederlassung mit ihrer besonderen Lage auf der Ostseite des Kaps und in unmittelbarer Nähe der gefährlichen Wasser der Torres Straße war nicht nur Symbol britischer Oberhoheit sondern wurde auch als Stützpunkt geschätzt. Die Jardine Familie trug für ihn Verantwortung bis 1873. 

 

Es war ein hartes gefährliches Leben.  Die kriegführenden, feindseligen Stämme des Kapgebietes und die Kopfjäger und Kannibalen der Torres Strait Inseln sowie der Küste von Neuguinea verursachten nicht geringe Schwierigkeiten.  Dazu kam die Einsamkeit, die Unzuverläßigkeit der Polizei und das Desinteresse der weit entfernten Regierung.  Doch Schiffbrüche an den zackigen und trügerischen Riffen der Meeresstraße und des Äußeren Barriere Riffs waren nicht selten und die Überlebenden verdankten ihre Rettung Somerset und seinen mutigen und tüchtigen Bewohnern.  Die Eingeborenen fürchteten Jardine wegen seiner Rücksichtslosigkeit im Umgang mit ihnen und gaben ihm den Namen "Debil-debil Jardine" (Teufel-Jardine). 

 

Nach einem Streit mit der Obrigkeit wurde Jardine entlassen und Thursday Island zum Sitz der lokalen Behörden gemacht.  Jardine blieb aber in Somerset, um seine Rinderzucht weiterzuführen.  Seine Boote suchten die Meeresstraße und die Muschelbetten weiter südlich nach Perlen ab.  Er pflanzte auch Kokospalmen und diese erinnern immer noch an seine Tätigkeit.  Die Wohnstätte selbst ist verschwunden und, abgesehen von einer Steinsäule mit Kreuz und einigen verrosteten Geräten, ist wenig übriggeblieben.

 

Im Gebüsch oberhalb des nahen Strandes fand ich Jardines Grab und ein Denkmal an die Forscher, die unter der Leitung von Hauptmann Edmund Kennedy diese Gegend gegen Ende des 19. Jahrhunderts besuchten und mit feindlich gesinnten Eingeborenen zusammentrafen.  Kennedy wurde von einem Speer getötet und über das Schicksal seiner Begleiter wissen wir nur wenig.  Der treue eingeborene Führer der Gruppe, Jackey-Jackey, der Hilfe holen wollte, blieb der einzige Überlebende.  Nach ihm ist der vorhin erwähnte Flugplatz benannt worden.

 

Der Strand war ein tropisches Paradies: weißer Sand, blaues Wasser bis hinüber zur vorgelagerten Insel, Palmen.  Wir schwammen hier sogar im Meer, in Ufernähe, weil wir immer an die Gefahr eines Haiangriffes dachten, und wir blieben auch in Respektabstand von den Mangroven, der potentiellen Heimstätte von Salzwasserkrokodilen.

 

 

Rückzug

 

Eines Abends überquerten wir wieder den Jardine Fluß, diesmal in umgekehrter Richtung, ohne Abenteuer, auf der Fähre.  Wir konnten unsere Zelte während einer Regenpause aufstellen und genossen ein spätes Nachtmahl.  Dann legten wir uns auf teilweise feuchten Luftmatratzen und in zum Teil feuchten Schlafsäcken zur Ruhe.  Trotz der dicken Plastikumhüllung der Dachgalerien unserer Fahrzeuge war der peitschende Regen tief in unser Gepäck eingedrungen.

 

Am nächsten Morgen lag zunächst eine dicke Wolkendecke am Himmel.  Damit mußten wir unseren Plan, auf Luftmatratzen den Fluß hinunterzutreiben, aufgeben.  Wir hätten diese vor unserer Abfahrt nicht trocken bekommen können.  Ich fand eine Luftmatratze ohnehin überflüssig und schwamm in Begleitung von Michael und Arch von unserem Lagerplatz bis zur Fähre hinunter.  Das Zurückschwimmen gegen die starke Strömung ließen wir sein und liefen die Uferstraße durch Schlammtümpel zurück. 

 

Mittagsrast machten wir an jenem Tag an der vielleicht landschaftlich schönsten Raststelle unserer Fahrt, an den Twin Falls (Zwillingsfällen) des Canal Creek, der da mit dem Elliott Creek zusammenfließt.  In nächster Nähe oberhalb des Zusammenflusses fällt der Elliott Creek über die Indian Falls, die Indischen Fälle.  Von einem Standpunkt unterhalb des Zusammenflusses kann man in beide Bachbetten einblicken und das Schauspiel aller Fälle gleichzeitig beobachten.

 

Das Wasser war klar und warm.  Die Twin Falls sind nicht nur zwei übereinandergeschachtelte Fälle; sie bestehen auch aus vielen kleineren und größeren Stufen, seitlichen Wasserfällen, Nischen und Becken.  Das Wasser verschwindet durch Schlünde, läuft in Schleiern über grobe Steinbuckeln, springt in Kaskaden von Fels zu Fels, überschichtet weite Steinplatten und formt zwei große Becken, in denen man schwimmen kann.  Ich nahm mir kaum Zeit zu meinem Mittagsimbiß, da ich es nicht erwarten konnte, diese wunderbare Umgebung kletternd und schwimmend zu erkunden. 

 

Am selben Abend schlugen wir unser Lager am Dulhunty Fluß auf, in der Nähe der Stelle, wo wir am Weg hinauf zum Kap Mittagsrast gehalten hatten.  In der Nacht wurde es kalt.  Am Morgen dampfte das Wasser unterhalb des kleinen Wasserfalles in der kühlen Luft.

 

Das Land wurde zusehends trockener, je mehr wir nach Süden kamen.  Wir hatten die grüne Pflanzenwelt des Nordens schätzen gelernt und mußten uns wieder an die weißgraue Tönung des Laubes von Büschen und Bäumen, an die fast ausgebleichten Farben gewöhnen.

 

Als wir den Wenlock Fluß erreichten, sahen wir, daß der Wasserspiegel seit unserem letzten Aufenthalt wesentlich gefallen war. Wir konnten nicht mehr richtig schwimmen. Es kann sehr still und sehr friedlich sein, wenn man von der meist belebten Furt genügend weit entfernt ist.  Ich mußte nur um die nächste Flußbiegung wandern und alle menschlichen Laute verstummten.  Das Krächzen der Krähen und das gelegentliche Lachen eines Cookaburra („Lachender Hans“) blieben.  Es war so still, daß ich die Blätter fallen hören konnte.  Blätter fallen von den Bäumen so wie im Herbst in Europa, allerdings das ganze Jahr hindurch.  Es sind schwere große Eukalyptusblätter, die sich bei Windstößen von den Zweigen lösen, auf tiefere Äste rascheln und merkwürdig laut auf den staubigen Boden des Auwaldes und auf das Wasser des Flusses schlagen.

 

Die Weiterfahrt war nicht ereignislos.  Bisher hatte der Vierradantrieb unserer Fahrzeuge genügt, um Hindernisse zu bewältigen.  Nun gelangten wir aber zu einem Bachbett, dessen jenseitiges Ufer sich entmutigend steil auftürmte.  Die Furt selbst war seicht, doch die Stelle, an der die Fahrzeuge hochzufahren pflegten war so stark zerklüftet und ausgewaschen, daß man auch als Fußgänger Arme und Beine zum Hinaufklettern verwenden mußte.  Nun wurde eine andere Stelle zur Querung verwendet, doch waren auch dort bereits fußtiefe Schlammstellen eingegraben.

 

Da wir Schwierigkeiten ahnten, fuhr das mit der Winde ausgestattete Fahrzeug zuerst und der Fahrer versuchte, das Hindernis mit Schwung zu bewältigen.  Die Vorderräder kamen zwar über die Schlammstellen hinweg, doch die Hinterräder drehten sich kreischend durch. Das Auto bäumte sich auf wie ein wildes Tier und zerrte wütend an der Umklammerung des pastenartig zähen Schlammes.  Als der zweite Überquerungsversuch auch mißlang, sahen wir, daß wir ohne Winde nicht auskommen konnten. Ein drittes Mal fuhr das Fahrzeug vor so weit wie möglich.  Dann zog Noel die Stahltrosse der Winde von der Trommel, auf der sie aufgerollt gewesen war und verankerte ein Ende an einem starken Baumstamm oberhalb des Steilstückes.

 

Während der Vorbereitungen zum Herausziehen des Fahrzeuges sah ich mir die Umgebung des Baches genauer an.  Es war eine reizvolle Stelle, von Eukalyptusbäumen überdacht, die über dem Wasser ein Baldachin bildeten.  Weißgraue Rinde löste sich von ihren Stämmen ab, als ob sie sich mausern wollten.  Hinter einer nahen Bachkrümmung hatte sich ein Becken mit hüfthohem klaren lauwarmen Wassers gebildet.

 

Als die Trosse sicher befestigt war, wurde der Windenmotor in Bewegung gesetzt.

"Nicht zu nahe am Tau stehen!" schrie Rick mir zu, als ich mich anschickte zu photographieren.  So eine Stahltrosse steht unter ungeheurer Spannung und kann, wenn sie reißt, wie ein Metzgermesser tief durch Fleisch und Glieder schneiden.

 

Ächzend und stöhnend setzte sich das Fahrzeug in Bewegung und zog sich an der Trosse hoch, bis es auf festem Boden zur Ruhe kam.  Allgemeiner Beifall belohnte den Erfolg dieser Operation und es war nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen Fahrzeuge nachgefolgt waren.

 

Wieder lagerten wir im Archer Fluß, diesmal zwischen den riesengroßen Granitblöcken des Flußbettes.  Während die restliche Zeltgesellschaft beim Lagerfeuer auf das Nachtmahl wartete, bestieg ich einen hohen Block und setzte mich auf seinem glatten Rücken nieder.  Die Vögel sangen, kreischten oder pfiffen ihren Abendgesang und der Wind rauschte in den Blättern.  Das Flußbett hinabtänzelnd, streichelte er die Äste der Bäume, in derselben Richtung, in der der Strom die starken Stämme gebeugt hatte.  Im Wind hörte ich das Tosen des angeschwollenen Flusses der Regenzeit.  Auch der Sand sprach davon, so wie er sich zwischen den großen runden Steinblöcken aufgebaut hatte, den Fluß hinuntergewaschen im rasenden Strahl des Wassers auf seiner Suche nach dem Meer.  Knorrig verdreht, standen die Bäume da wie materialisierte Albträume, in der Erinnerung ihres Kampfes mit den tosenden Fluten, deren Überreste als verstreute Tümpel eingeschlafen waren.  In den tiefsten Rinnsalen der Trockenzeit läuft der Bach weiter und mahnt an das Wiederaufleben des Stromes - Jahr für Jahr.

 

 

Der singende Baum

 

Unsere Zelte, Luftmatratzen, Schlafsäcke und Taschen waren verstaut, der Aufbruch unserer Gruppe schien knapp bevorzustehen und ich beschloß, wie so manchmal dem Konvoy vorauszulaufen, um meine Glieder vor dem längeren Sitzen im Auto aufzulockern.  Ich teilte mein Vorhaben unseren Fahrern mit, versicherte mich, daß ich in die richtige Richtung lief und begann zu traben.

 

Es war zwar erst früher Vormittag, doch steigt in diesen Breiten die Sonne rasch in den Himmel (ebenso wie sie auch abends ohne viel Zögern unter den Horizont plumpst).  Es war also bereits ziemlich warm.  Doch das störte mich weniger als der überraschend "starke Verkehr".  Es gibt natürlich nur eine Straße, die sich durch die leere Landschaft schlängelt, doch brachen viele Kampierende zu dieser Zeit auf und die ersten Fahrzeuge aus Coen trafen bereits ein.

 

Ich lief ein entspanntes mittleres Tempo, weil ich annahm, daß mich unsere Fahrzeuge bald einholen würden.  Auf das hoffte ich, da die Staubfahnen vorbeifahrender Fahrzeuge mich immer wieder dazu zwangen, seitlich in den Busch zu springen. 

 

Es ist kein dichter Wald, der sich links und rechts der Straße streckt.  Es ist eine sehr trockene Gegend und die Bäume stehen in großen Abständen, dazwischen kleineres Gehölz, gefallene Äste, Laub, verdörrtes Gras, Termitenbauten, Steine, verkohlte Baumstrünke.

 

Als ich eine halbe Stunde gelaufen war, begann ich mir ernstlich Gedanken zu machen, was denn mit unserem Konvoy geschehen wäre.  Dieser würde sich mit einem Durchschnittstempo von mindestens vierzig Kilometern bewegen, sollte mich also schon längst eingeholt haben.  Doch waren es immer fremde Fahrzeuge, die mich überholten.

 

Langsam hatte sich mein Metabolismus aufs Laufen umgestellt, die Bewegungen waren mühelos geworden, glichen fast einem Schweben durch die Landschaft.  Auch die Zahl der mich störenden Fahrzeuge war geringer geworden.  Doch waren es immer noch genug, um Tierbeobachtungen zu verhindern.  Da für die Tiere eine Straße die Landschaft kaum unterbricht, sieht man beim Laufen oder Wandern natürlich mehr als aus dem Auto.  Meine Umwelt war bewegungslos und fast still.  Ausnahmen waren meine Tritte, das gelegentliche Rascheln unsichtbarer Reptilien oder Insekten abseits der Straße, das Rauschen der Luftbrise, die unregelmäßig über das Land hinwegatmete.

 

So begann ich in einen Zustand von Halbwachheit zu verfallen, während Kilometer um Kilometer schweigendes Land an mir vorbeizog.  Ich versetzte mich in die Rolle eines jungen Eingeborenen, eines, der nach alter Tradition vor dem Zuerkennen der Mannesreife "walkabout," gehen muß.  So jemand muß für viele Wochen durch das menschenleere Land ziehen, die Sonnenhitze des Tages und die Kälte der Nacht ertragen, sich von dem ernähren, was das Land bietet: wie Witchetty Raupen und gewisse Wurzeln, aus der Erde gegraben, gefangene Eidechsen, oder mit Speer erlegte Wallabies und Känguruhs.  Zum Überleben gehört auch die Kenntnis, verborgene Wasservorräte aufzufinden.  Es gibt nämlich in vielen Gegenden Australiens, besonders während der trockenen Jahreszeit, keine sichtbaren oberflächlichen Wasservorkommen.  Doch existieren sie unterhalb der Erdoberfläche.  Man muß nur erkennen können, wo sich versickertes Wasser angesammelt und erhalten hat.

 

Nach längerer Einsamkeit verschwimmt die Erinnerung an die gewohnte menschliche Gesellschaft und man wird langsam eins mit der Umgebung, der Atem verschmilzt mit dem Flüstern des Windes, die Tritte vereinen sich mit dem Fallen der Steine und Krachen der Äste, die Wahrnehmungen sind verschärft.  Es ist nicht nur eine körperliche Ertüchtigung, sondern auch eine spirituelle, denn man muß dieses Verschmelzen mit der Einöde auch ertragen lernen.  Man darf sich gegen dieses Einfügen in die Umwelt nicht wehren, um zur vollkommenen Harmonie zu gelangen.  Gegenstände und Gegebenheiten nehmen eine Bedeutung an, die sie unter sogenannten "normalen" Umständen nicht besitzen.

 

So wuchs vor mir mit jedem Tritt ein hünenhafter weitverzweigter Eukalyptusbaum aus der Landschaft, mit mächtigem weißgrauem Stamm, der sich in zwei große Äste teilte und in einer ganzen Symphonie von Verästelungen gleichsam nach dem Himmel griff.  In seinen langen graugrünen Blättern verfing sich der Wind, um dort sein Spiel zu treiben und sein Lied zu singen.  Der Baum beherrschte schließlich die Landschaft nicht nur durch sein Formenspiel, sondern auch durch seinen Gesang.  Es war ein Gesamtkunstwerk aus Formen, Farben, Klängen und Rhythmus, wie dies in einer gewöhnlichen Gemäldegalerie kaum möglich ist.  Es wirkte nicht nur der Gegenstand selbst, sondern seine harmonische Einheit mit den Klängen und Formen der Umgebung und den Akzenten, die diese in der Landschaft setzen.  Die Geräusche schwangen als Gesänge in den Gegenständen der Umwelt mit.

 

Ich war immer langsamer geworden und, ohne es wahrzunehmen, wie im Banne stehen geblieben, verfangen im Schauen und Hören.  Ich muß einige Zeit gestanden sein, bevor mir zu Bewußtsein kam, daß ich mir vorgenommen hatte, so lange zu laufen, bis mich mein Fahrzeug einholte hätte.  Die Luft war heiß, kühlte aber beim Laufen.  Ich trug nur Badehose und Laufschuhe.  Die Schweißsträhnen, die sich auf meiner staubbedeckten Haut abzeichneten, wurden immer wieder vom Wind getrocknet.  Mein Haar schützte mich genügend vor dem vollem Aufprall der Sonne.

 

Als ich bereits mehr als eine Stunde gelaufen war und nach meinen Berechnungen mindestens 12 Kilometer zurückgelegt hatte, tauchte endlich das erste unserer Fahrzeuge auf.  Man erzählte mir, daß im Motoröl eines Fahrzeuges Wasser kondensiert war und das Starten verhindert hatte.  Ein zeitraubender Ölwechsel wäre nötig gewesen. 

 

 

Im Lakefield Nationalpark

 

Wir erlebten den Sonntagmorgen in Coen.  Am Tage vorher hatte es hier Wettrennen gegeben und die Stadt war noch immer voll von Menschen und Fahrzeugen.  Unter den Wirtshausbesuchern und Einkaufenden gab es viele Aborigines, die zur Buntheit des Stadtbildes beitrugen.  Auch wir mußten Vorräte einkaufen, fuhren aber bald weiter, damit wir unser Mittagessen bereits an einem Billabong im Lakefield Nationalpark genießen konnten.

 

Dort bot sich uns ein friedliches Bild.  Die glatte Wasserfläche spiegelte die schlanken weißgrauen Stämme der Eukalyptusbäume wider, zusammen mit ihrem hellen bläulichgrünen Blattwerk.  Mit den Spiegelbildern verschmolzen die Blätter und Blüten von Wasserlilien, die sich bis zu den grünen Algenschichten des Uferrandes dehnten.  Ein starker Gegensatz zu den braunen, mit vertrocknetem Gras bestandenen Ufern, die sich sanft zum Waldrand hoben!  Schwarze australische Schwäne und schwanengleiche Jabiru glitten in der Nähe des fernen Ufers und ein Pärchen Brolga, Australiens monogamer Kraniche, liebkoste einander. 

 

Da rutschte mir vor Schrecken mein Fernglas von den Augen.  Schnell faßte ich mich und suchte nach der Stelle, wo ein großes vorsintflutliches Tier in mein Gesichtsfeld getreten war.  Ein Krokodil?  Nun sah ich wieder die mächtige, schuppenbedeckte Schnauze, die von einem langen kräftigen Körper vorstieß.  Endlich ein Krokodil!  Dann aber richtete sich die Bestie voll auf und sein Vorderkörper war viel weiter vom Boden entfernt als dies bei einem Krokodil der Fall gewesen wäre.  Die riesige Echse war ein australisches Goanna!  Jetzt sah ich den langen schlanken Hals mit dem kurzen Schädel ganz deutlich.  Der braune sonnengebackene Uferrand hatte den schuppenbedeckten Leib ausgezeichnet getarnt.  Für einen Augenblick stand diese Erscheinung aus prähistorischen Zeiten hoch aufgerichtet da und verschwand so plötzlich wie gekommen.

 

Klara fand erfreut den Panzer einer großen Süßwasserschildkröte.  Wir nahmen ihn mit und ich verbrachte später etliche Stunden mit seiner Säuberung, doch ging er uns noch vor unserer Abreise aus Australien verloren.

 

Nach dem Verlassen des Billabongs verschmälerte sich die Straße und führte uns tief in den Park.  Ein großes Schild warnte vor den Salzwasserkrokodilen, die in allen Gewässern des Lakefield Nationalparks vorkommen können.  Das Gelände des Parks zieht sich zwar von der Küste weit landeinwärts, doch steigt es nicht viel über den Meeresspiegel und bietet den Krokodilen Gelegenheit, entlang der Wasserläufe weit landeinwärts zu wandern.

 

Der enge Weg wand sich aus dem Wald heraus und führte auf eine weite Ebene, die bis zum Horizont zu laufen schien.  Sie war in regelmäßigen Abständen mit mittelgroßen (1 - 2 m hohen) Termitenbauten übersät.  Obwohl wir schon viele Termitenhügel gesehen hatten - jedes Mal schienen sie anders und ihre Anordnung eine andere zu sein.  Wiederum wurden alle Insaßen unseres Fahrzeuges unruhig und griffen eifrig nach ihren Photoapparaten.  Mat blieb stehen und ich kletterte aufs Autodach, um von dort zu photographieren. 

"Warum fährst du nicht überhaupt auf dem Dach weiter?" rief Mat herausfordernd, "da hast du einen schönen Ausblick und kühlen Fahrtwind!" "Gute Idee," antwortete ich und verkeilte meine Füße in den Tauen, mit denen die Ladung der Dachgalerie festgezurrt war.

 

Später bereute ich es beinahe, mich in diese Lage gebracht zu haben.  Ich konnte meine Beine nur seitlich vor mir ausspreizen, in der Form eines V, und es war schwierig, die Stöße des Fahrzeuges auszugleichen.  Bei jeder Wendung des holprigen Weges mußte ich meinen Oberkörper ganz auf die Kurveninnenseite verlegen, um das Gleichgewicht zu bewahren.  Dazu tauchten oft tief herabhängende Äste auf, denen ich dadurch ausweichen mußte, daß ich mich nach vorne fast auf die Zeltplane der Ladung legte.  Glücklicherweise dachte Mat dreidimensional und wich diesen Hindernissen nach Möglichkeit aus.

 

Drehen, wenden, nach links, nach rechts, nach vorne legen, und dabei Ausschau halten.  Es war wie auf einem großen Pferd durch die Gegend zu traben.  Als der Weg wieder durch ein Gehölz führte, mit nahestehenden Bäumen und eingegrabenen Wasserläufen, kletterte ich gerne wieder ins Fahrzeug.

 

Unser Auto warf bereits langen Schatten und unsere Fahrt näherte sich ihrem Ende, als wir Krachen und Rumpeln hinter uns hörten.  Mat hielt an und wir sprangen aus dem Fahrzeug.  Unser Anhänger hatte ein Rad verloren und seine Achse war verbogen.  Hier konnten wir nichts reparieren, nur den Anhänger abhängen.  Mat würde später zurückkommen, um die Ladung auszupacken und den Anhänger abzuschleppen.  Wir hatten Glück im Unglück gehabt.  Die Parkwärterstation war nicht allzu weit und Mat und Rick konnten am folgenden Tag den Anhänger dort einstellen.  Für den Rest unserer Reise mußten wir allerdings ohne ihn auskommen!

 

Unser Lagerplatz lag in der Nähe eines malerischen Wasserlaufes. Klares Wasser lief knöcheltief durch verzweigte Rinnen, die in harten zackigen Fels eingegraben waren.  Busch- und Baumgruppen und frischgrüne Grasbüschel begleiteten dieses eigenartige Bachbett.  Hier konnten wir uns ohne Gefahr waschen.  Der Parkwärter aber erzählte uns, daß er eine der Lagerstellen an eben demselben Tag fürs Zelten gesperrt hätte, weil dort ein großes Salzwasserkrokodil gesichtet worden wäre.

 

Wir lagerten an der Hann Crossing des Kennedy Flusses, einer beliebten Lagerstelle.  Es wunderte mich daher, daß es dort keinerlei Abortanlagen gab.  Dazu wuchsen in der Nähe unseres Lagers weit und breit keine Büsche oder Bäume, außer entlang dem Wasserlauf, der natürlich nicht verunreinigt werden durfte.  Also wurde die Regel aufgestellt, daß in einer kleinen Bodensenke, die der Karrenweg durchquerte, zur linken Hand Frauenterritorium und zur rechten Männerterritorium sein sollte.  Es war erheiternd, wenn wir jemanden von unserer Gruppe mit Spaten und Toilettepapier in die angewiesene Richtung spazieren sahen und dann von weither das Schürfen und Kratzen auf dem harten Boden hörten.  Ich stellte fest, daß der Grund hauptsächlich aus Steinplatten, bedeckt mit dürftigem Pflanzenwuchs und etwas Sand, bestand und verwendete lieber gesammelte Steine zur Verdeckung meiner Spuren.

 

Die Nacht war kristallklar.  Wir standen auf dieser weiten baumlosen Ebene, wo es im Umkreise von hunderten Kilometern keine starken künstlichen Lichter gab und sahen hinauf zu unwahrscheinlich hell blitzenden Sternen.  Dann lagen wir in unseren Zelten, lauschten auf die Laute der Wildnis und glitten dabei, ohne es zu merken, in tiefen Schlaf.

 

Am nächsten Morgen lief ich wieder voraus, diesmal in Begleitung von Michael und Klara.  Auf dem Karrenweg mitten im Nationalpark fuhr nichts und wir hatten Glück mit unseren Tierbeobachtungen.  Die Luft duftete in der Morgensonne und ein leichter Nebel lag in Schwaden über dem Boden.  Wir hörten Vogelrufe, sahen Tierspuren im Staub und begegneten einigen Tieren selbst.  In Straßennähe wühlte ein Wildschwein im Boden.  An dem schlichen wir vorbei, um nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen.  Schon einmal, auf dem korsischem Hochplateau, hatten Klara und ich Zuflucht zu einem hohen Felsblock suchen müssen, um dem Angriff von Wildschweinen zu entgehen.

 

Vor uns hüpfte ein Wallaby über den Weg, dann waren da auch Spuren von einem Dingo, dem australischen wilden Hund, ganz deutlich abgedruckt im Sand des Weges.  Auf einem nahen Ast saß ein Königsfischer und an einem kleinen Billabong stelzten Ibisse und Reiher, deren schlanke Hälser und lange Schnäbel sich grazil von ihren Spiegelbildern im Wasser abhoben.  Wir waren begeistert von einem Brolgapaar, das sich am Ufer vergnügte und hielten das für eine Besonderheit.  Wenn wir gewußt hätten, daß wir noch am gleichen Tage auf der Fahrt durch Farmland eine ganze Weide mit Dutzenden Brolgapärchen sehen würden! 

 

Allzu früh hatte uns unser Auto eingeholt und es ging weiter bis zu unserer Vormittagsraststelle, zur Old Laura Homestead, Alt-Laura, einer Wohnstätte, dessen Hauptgebäude aus massiven Baumstämmen errichtet war.  Es hatte einen Oberstock und war von verschiedenen Wirtschaftsgebäuden umgeben.  Diese Bauten waren längere Zeit verlassen und dem Verfall preisgegeben gewesen, doch zum Zeitpunkt unseres Besuches sahen sie stellenweise wieder ganz stattlich aus.  Eine Gruppe junger Leute aus aller Welt war damit beschäftigt, diesen Stützpunkt ehemaligen Lebens und Arbeitens zu restaurieren.  Solche Wohnstätten haben in diesem leeren Land immer noch große Bedeutung.  Riesige Güter werden von ihnen aus verwaltet.

 

Die jungen Leute gehörten einer Organisation an, die es ihnen möglich macht, von Land zu Land zu reisen, um an der Wiederherstellung historischer Bauten zu arbeiten.  Es war heiß in diesem Tal und die Atmosphäre ungezwungen.  Die Burschen arbeiteten mit nacktem Oberkörper, die Mädchen trugen Bikinis und die Arbeit erlaubte Unterhaltung und Spaß.

 

Wir hatten Durst und tranken Kaffee und Tee bevor wir die Gebäude besichtigten.  Ich stieg das kurze Stück zum Laurafluß, der völlig ausgetrocknet war, hinunter.  Im Flußbett und seiner Umgebung standen Eukalyptusriesen mit ineinander übergehenden Kronen.  Ich fühlte mich wie in einer Kirche.  Die Chormusik trugen die Vögel bei und der würzige Duft der verdunstenden ätherischen Öle ersetzte den Weihrauch.  Die Luft war warm und schwer.  Ich hockte mich auf einen Baumstamm und wäre fast tagträumend eingeschlafen, wenn Klaras Rufen mich nicht aufgeschreckt hätte.  Es ging weiter nach Cooktown.

 

Mittag aßen wir an den Wasserfällen im Oberlauf des Endeavour Flusses, der die bewaldeten Berge an der Ostflanke der Großen Wasserscheide hinabfließt und dem wir bei Cooktown, wo er in den Pazifik mündet, abermals begegneten.  Die Wälder waren wieder dichter, grüner und hochwüchsiger und die nun breite Sandstraße wand sich in vielen Biegungen hinunter zur Stadt, die den Namen des großen Weltumseglers trägt.

 

 

Eine Perle des Korallenmeeres

 

Wir schlugen unsere Zelte im Motorcamp von Cooktown unter hohen Bäumen auf und fuhren dann gleich auf den Grassy Hill, dem Grasigen Hügel.  Dieser bietet einen Rundblick auf das himmelblaue Meer und die grüne Ebene von Cooktown, durch die sich das breite Silberband des Endeavour Flusses windet.  Das Stadtgebiet ist ausgedehnt, aber nur spärlich bebaut.  Die sandige Bucht nördlich des Flusses sah sicher nicht viel anders aus als zu Cooks Zeiten, als er sein Schiff, die Endeavour, am Fluß aufs Trockene setzte, um ein Leck zu reparieren und sich für das lange Rücksegeln nach England vorzubereiten.  Im Süden sahen wir Klippen, die dort eine Bucht einrahmen.

 

Um die Jahrhundertwende war die Stadt viel größer als heutzutage.  Sie wurde im Goldrausch gebaut.  Jetzt werden ihre Einwohner auf das Locken des Tourismus aufmerksam und die Stadt könnte in Zukunft Cairns den Rang ablaufen.  Cooktowns angenehmes Klima mit häufigem Wind, der die Schwüle und Hitze dieser Breiten vertreiben kann und seine landschaftlich reizvolle Lage in einer Fassung grüner Hügel und an einem Fluß, dessen Umgebung selbst Nationalpark ist, machen es zu einer Perle des Korallenmeeres. 

 

Darstellungen aus der Entwicklung der Stadt und Relikte aus ihrer Vergangenheit sind im Museum von Cooktown zu sehen.  Das ist in einem renovierten Kloster untergebracht und einen Besuch wert für jeden, der Näheres über die Geschichte dieser Gegend erfahren möchte.

 

Nach Cooks Abreise kamen die hiesigen Eingeborenen für etwa hundert Jahre kaum mit europäischen Siedlern in Berührung.  Das änderte sich dramatisch, als 1873 durch einen James Mulligan am Palmer Fluß Gold entdeckt wurde.  Ein Jahr später waren bereits 15.000 Männer auf dem Goldfeld tätig und verwendeten das aus dem Boden gestampfte Cooktown als ihren Stützpunkt.  Die Stadt wuchs schnell, von einer Zelt- und Blechhüttensiedlung zu einem Grenzposten mit aus Holz und Eisen gebauten Häusern.  Bereits ein Jahr nach der Gründung der Stadt soll es neunzig „Hotels“ mit Lizenzen zum Ausschank von Alkohol gegeben haben.  Das waren allerdings oft nur primitive Schenken.  Daneben florierten über hundert Bordelle. 

 

Das Leben in der Stadt soll wild und ungezügelt abgelaufen sein.  Bald wurde Cooktown zu einem Schmelztiegel von Nationalitäten, der außer den Goldgräbern viele andere Menschen mit verschiedenen guten und weniger guten Absichten anzog.  Kaufleute wollten rasch reich werden und Betrügern und Prostituierten fiel es nicht schwer, den Goldgräbern ihre manchmal beträchtlichen Gewinne abzunehmen.

 

Um 1930 hatte Cooktown immer noch keine Straßenverbindung mit dem Rest von Australien, war aber durch eine Eisenbahnlinie mit Laura verbunden.  Diese Linie wurde, wie wir persönlich festgestellt hatten, nie über Laura hinaus weitergeführt, doch diente sie der Gegend ab 1885 fast 80 Jahre.  Während des 2. Weltkrieges mußte die Stadt evakuiert werden und 1949 verwüstete ein tropischer Sturm alles was der Krieg übrig gelassen hatte.  Nun zählt die Stadt immerhin mehr als 1000 Einwohner und ist in gesunder Entwicklung begriffen.

 

Im Museum sahen wir auch eine Übersichtskarte der Nationalparks der näheren und weiteren Umgebung.  Diese sind verschiedenster Größe; einer der kleinsten ist wohl auf Lizard Island, der Eidechseninsel, errichtet worden.  An diese Insel, etwa 100 km nordöstlich von Cooktown, knüpft sich das Schicksal einer tapferen Pioniersfrau und diese Geschichte gibt ein Bild von den Gefahren, mit denen hier zu rechnen war:

 

1881 zog ein Kapitän Watson zusammen mit seiner Frau, seinem Kleinkind und zwei chinesischen Dienern in eine von ihm errichtete Behausung auf Lizard Island, um von dort auf Fischfang zu gehen.  Die Lage der Heimstätte war günstig und es gab Wasser.  Überreste der Bauten sind bis heute noch zu sehen.  Während einem Fischzug des Kapitäns landeten feindliche Eingeborene auf der Eidechseninsel und töteten einen der Chinesen.  Zwei Tage später überraschten sie den zweiten, der schwer verwundet entfliehen konnte.  Nun war Frau Watson in einer verzweifelten Lage und es blieb ihr nichts anderes übrig, als in einem großen Trog, der zum Verarbeiten der Fische verwendet wurde, zusammen mit dem Verwundeten, ihrem kleinen Kind, einigen Eß- und Trinkvorräten, Waffen und Kleidungsstücken ins Meer abzustoßen und sich dem Willen der vorherrschenden Strömungen und Winden anzuvertrauen.  Als die Wasservorräte ausgelaufen waren, gelang es den Flüchtlingen, auf einer Insel zu landen, doch wurden sie durch die dortigen Eingeborenen veranlaßt weiterzutreiben.

 

Halb verdurstet landeten sie auf einer Insel der Howick Gruppe, wo sie aber kein Wasser fanden und bereits zu schwach waren, um auf längere Suche zu gehen.  Einige Wochen später wurden ihre Leichen gefunden, wie durch bittere Ironie in ihrem halb mit Regenwasser gefüllten Trog.  Es hatte geregnet - aber zu spät!  Die letzte Eintragung im Tagebuch von Frau Watson lautete: "Wir sind fast tot vor Durst ... 11 Oktober 1881." 

 

 

Beim Röhrenden Wasserfall

 

Das große Nest schien auf dem Dunst zu schweben, der über den Baumwipfeln und dem Tal lag, doch saß es auf dem fast kahlen Gabelwerk eines hohen Baumes. Darüber reckte sich die eindrucksvolle Silhouette eines einheimischen Keilschwanzadlers, dessen Flügel über den Rand meines Fernglasbildes hinausragten.

 

Wir waren am Beginn der sogenannten CREB Track (Cairns Regional Electricity Board Track), die angelegt wurde, um die elektrische Leitung zu legen und instandzuhalten.  Diese Trasse ist bei nassem Wetter unpassierbar.  Wir waren am Morgen nach dem Besuch des Museums von Cooktown aufgebrochen in der Hoffnung, auf diesem Wege zu den Roaring Meg Fällen und dann nach Cairns weiterfahren zu können.  Schon während der ersten Tage der Safari hatten unsere Fahrer mit großem Respekt von dieser Trasse gesprochen, von den Anforderungen, die sie an Fahrzeuge und Fahrer stellt, von den aufregenden Steilstücken und den mit ihnen verbundenen landschaftlichen Schönheiten.

 

Wir waren bereits tief in dieses bergige Land eingedrungen.  Für australische Begriffe waren seine Hänge steil und die Taleinschnitte tief.  Dichte grüne Vegetation deutete auf reichlichen Regenfall und überhaupt ähnelte die Landschaft dem bergigen Gebiet nördlich von Wellington, dem Tararua Forstpark.

 

Von einer Anhöhe mit weitem Ausblick auf die Bergkuppen und Täler sahen wir das Ziel unserer Fahrt: die Fälle, die so mächtig sind, daß wir sie über die vielleicht zwanzig Kilometer weite Entfernung deutlich erkennen konnten und doch waren wir noch zwei Stunden Fahrt über Berg und Tal von ihnen entfernt.  Als wir schließlich zu dem Fluß vorstießen, der sich die Fälle hinunterrollt, war zunächst keine Zeit zum Besichtigen.  Wir mußten erst unser Lager aufschlagen.  Um Platz für unsere Zelte zu schaffen, schlugen wir hüfthohes Gras nieder, das unter Bäumen neben dem Fahrweg wuchs.  Geheuer war uns bei dieser Tätigkeit nicht, da im Gras manchmal Schlangen stecken. 

 

Ich schwang einen langen Stock vor mir hin und her, während ich in das Gras vordrang.  Damit konnte ich den Schlangen ankündigen, daß ihre Ruhe gestört werden würde.  Schlangen greifen Menschen nur an, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen.  Ich bereitete reichlich Platz für das Zelt und seine Umgebung; eine breite Schneise verband unseren Zeltplatz mit dem Fahrweg.  Ein freier Pfad ist besonders in der Nacht wichtig, auch wenn kein vorsichtiger Mensch im australischen Busch nachts ohne Taschenlampe geht.  Natürlich wimmelt es auch in Australien nicht von Schlangen - ich selbst habe auf unserer Safari nicht eine einzige gesehen - doch ist der Biß einer Giftschlange in so großer Entfernung von ärztlicher Hilfe gleich einem Todesurteil.

 

Am Flußufer fanden wir freien Platz für unsere Küche und unsere Lagerfeuerrunde.  Noch war aber der Tag nicht zu Ende und Klara, Tom, Katrina und ich liefen auf dem Waldweg entlang dem Fluß zum Wasserfall, um ihn in der untergehenden Sonne zu sehen.  Es war uns eingeschärft worden, nicht zu versuchen, den Fluß oberhalb des Falles zu queren, weil die Strömung stark wäre.

 

Wir hörten das Röhren des Wassers erst nach geraumer Zeit, soweit war unser Lager vom Wasserfall entfernt.  Schließlich sahen wir, wie sich der Fluß oberhalb des Falles verbreitete und seicht über weite Steinplatten floß.  Die tiefste Stelle war herüben, nicht mehr als knietief, aber reißend.  Es war leicht zu einzusehen, wie ein Ausrutschen zum Sturz in die Strömung führen könnte und bis zur Kante des Falles war es nicht weit.

 

Wir konnten auf unserer Seite eine Felsschulter erklettern und genossen von dort einen guten, wenn auch knieerweichenden Ausblick auf die Absturzstelle des Wassers.  Der Wind zog Wolken über die Abendsonne, so daß immer wieder für eine kurze Weile rotes Licht über die glänzenden Felsen und das stürzende Wasser glitt.  Es war eine vielleicht hundert Meter hohe senkrechte Steinstufe, mit etlichen Kaskaden am unteren Ende.  Dort öffnete sich das Tal mit Steinblöcken, Wasserbecken, Wirbeln, Wasseradern, begleitet von hohen bewaldeten Felswänden.  Unsere Augen schweiften von der letzten Talbiegung hinauf zu fernen Höhen und den noch immer hellblauen Streifen Himmel zwischen dem rot erglühenden Schwarz der Wolkenbänke.

 

In der Nacht regnete es und der nächste Morgen dämmerte grau und naß. Darüber konnte auch das fröhliche Jubilieren der Vögel nicht hinwegtäuschen.  Damit war das Urteil über die heutige Tagesroute gesprochen: die CREB Trasse war unbefahrbar.  Unsere Rückkehr mußte auf demselben Wege erfolgen, über den wir am Vortag gekommen waren, und über Helenvale nach Cairns.  Wir wollten so rasch wie möglich zurück, um nicht abgeschnitten zu sein, wenn der Regen etwas stärker und ausgedehnter fallen sollte.  Dennoch sollte der Vormittag noch dem Röhrenden Wasserfall gewidmet werden.

 

Noel und Rick waren die Vorhut, da sie mit einem Seil die reissende Flußstelle absichern wollten.  Über diese konnte man die jenseitige Flußseite erreichen und von dort ins Tal unterhalb des Wasserfalles hinabsteigen.  Noel seilte sich an und watete hinüber zu einer Stelle, wo sich im Fluß eine kleine Insel mit einigen Sträuchern und einem starken Baumstamm gebildet hatte.  Dort band er das Seil fest und nun folgten alle anderen.  Ich fand die Strömung nur insoferne riskant, als sie das Steigen auf den schlüpfrigen Felsen erschwerte und stürzen wollte ich auf keinen Fall, weil ich nicht nur meine Kamera, sondern auch die von jemandem anderen trug.  Sonnen- und Regenschauer lösten einander ab, doch war die Luft warm.

 

Klara, Lisa und ich waren die ersten und wir setzten unseren Weg gleich fort.  Von der Insel an war es noch ein Stück Weges bis zum jenseitigen Ufer, doch lief das Wasser nur knöchel- bzw. wadentief über die groben, durch Algen schlüpfrig gemachten Steinplatten.  Im Wald jenseits des Wassersturzes fanden wir eine Route zum Hinunterklettern.  Die Felswand löste sich in Stufen auf, die durch ihren Bewuchs den Abstieg erleichterten.  Schließlich kletterten wir noch über nackte, sanftere Felsschultern, die während der trockenen Jahreszeit nicht überflossen wurden, aber noch rutschig genug waren, um mit Respekt behandelt zu werden.

 

Von unten bekamen wir einen besseren Eindruck der geballten Kraft der abstürzenden Kaskaden.  Lisa bat uns um ein Photo und lief auf einer der Felsnasen bis zum Gestäube des sich zerschmetternden Wassers. Sie breitete ihre nackten Arme aus und ihre langen Haare und ihr Kleidchen flogen im Sturm der tosenden Massen.  Die Anmut ihrer tänzelnden Figur unterstrich die Dramatik der Szenerie.  Ich malte mir aus, welche Wassermassen erst in der feuchten Jahreszeit hier hinunterröhren mußten.  Da wäre der Fall sicher nicht zu besichtigen, wenigstens nicht in der Weise, wie wir es tun konnten. 

 

Dann schwamm ich im Fluß unterhalb des Falles, kletterte über riesige Granitblöcke und schwang mich über die Ränder von wassergefüllten Felswannen.  Das Wasser war warm, die Hauptströmung des Flusses stark, doch gab es genügend Gelegenheit zum Herausklettern.

 

 

Der Schwarze Berg

 

Auf unserer Fahrt nach Süden kündigte der Schwarze Berg (Black Mountain, 470 m) die Nähe von Helenvale an.  Dieser doppelkegelige Berg ist eine Sehenswürdigkeit und gleicht einer gigantischen Anhäufung nachtschwarzer Felsbrocken.  Es sind Granitblöcke, deren Schwärze von sie dicht umhüllenden Flechten vorgetäuscht wird.  Sonst sind sie völlig kahl, mit Ausnahme einiger Bäume und Sträucher, die die unteren Hänge umsäumen.  Vor Jahren soll der Berg überhaupt keine Vegetation getragen haben.  Nun hat der Verkehr der vorbeiführenden Straße wahrscheinlich so viel Staub aufgewirbelt, daß sich dieser in den Felsspalten gesammelt und den in ihm enthaltenen Samen erlaubt hat, zu treiben.

 

Für mich war dieser Berg mehr als nur eine Kuriosität der Natur.  Er schien geheimnisvoll, wie von einer Mystik umgeben.  Ich suchte nach einer weiteren Erklärung und fand eine Erzählung, so wie sie vom Häuptling des Bloomfieldstammes erst in den sechziger Jahren mitgeteilt wurde: die Legende von Kalka Jagga, von den Bergen des Todes.

 

Es begab sich zu einer Zeit, als das Land hier jung war, als die Traumzeit nur hunderte von Monden entfernt war, als sie noch für jeden Wirklichkeit war -- nicht so wie jetzt, wo sie für Phantasie gehalten wird, die tief in den Gedächtniswinkeln alter Männer schlummert.

 

Damals lebten zwei Brüder, Ka Iruji und Taja Iruji.  Ihre Mutter war eine Frau des Koko Stammes und ihr Vater ein Häuptling der Iruji.  Sie gehörten dem Wallaby Totem an, der Gemeinschaft, die den Namen der kleinen felshüpfenden Wallabies trägt.  Als die Brüder erwachsen waren und stolz die Narben und Zeichen der Mannbarkeitszeremonien trugen, da waren sie bereits tüchtige Jäger und unzertrennliche Kameraden.  Ihre Jagdgründe, die in der Nähe der heutigen Schwarzen Berge lagen, waren eben und mit glänzenden schwarzen Felsblöcken bedeckt, verstreut wie die Murmeln eines Riesen.

 

Als die Brüder eines Tages am Rande ihres Landes jagten, entdeckten sie ein Mädchen, das nach Yam Wurzeln grub.  Sie war atemberaubend schön in ihrer aufblühenden Weiblichkeit und ihre Haut glänzte wie Ebenholz, ähnlich dem Glanz der schwarzen Felsen.  Es war auch offensichtlich, daß sie zum Totem der Felspythonschlange gehörte und daher als Ehepartner für die Brüder gut geeignet war.  Jeder weiß, daß die Totem der Felspythonschlange und der Hüpfenden Felswallabies zusammenpassen.

 

Da veränderte sich mit einem Male das Verhalten der beiden Brüder.  Sie betrachteten einander feindselig, denn jeder wollte die ebenholzfarbene wohlgeformte Jungfrau für sich haben.  Sie begannen zu streiten, auf welche Weise sie um das Mädchen kämpfen sollten, denn die Gesetze der Iruji erlaubten nicht, daß sie ihre Jagdwaffen im Zorn gegeneinander erhoben.  Sie blickten auf die vielen umherliegenden Felsbrocken, manche davon gewaltig groß, manche kleiner, alle grell glänzend in der Sonne, und beschlossen, sie solange aufeinander zu türmen, bis es einem von ihnen gelingen sollte, einen höheren Berg zu bauen, von dem er einen Brocken auf den anderen hinunterollen könne, um ihn zu erschlagen.

 

Jedoch waren beide Männer gleich stark.  Beide Hügel wuchsen etwa in demselben Maße, Tag um Tag.  So angestrengt arbeiteten die beiden Brüder, daß sie nicht die ersten Zeichen des herannahenden Zyklones Kahahinka am Himmel bemerkten.  Auch die ebenholzfarbene Schöne beobachtete die Brüder mit so großer Aufmerksamkeit, daß sie nicht das Pfeifen der Vorboten hörte.  So brach plötzlich der Zyklon über das Land her, schrie und tobte, und verzerrte, zerriß, zermahlte und ertränkte alles, was es in dieser Gegend gab.  Damit starben auch diese drei Menschen, die Brüder jeder auf seinem der beiden Hügel, die sich schon unten miteinander vereint hatten, und das Mädchen in der brüllenden Flut, die sich in der Rinne zwischen den Hügeln herunterwälzte.

 

Sogar heute noch, wo doch die Traumzeit lange vorbei ist, stehen die Schwarzen Berge wie seit eh und je und wenn man sorgfältig in ihre Schründe hineinlauscht, dann kann man immer noch die Bewegungen des Mädchens vom Schlangentotem hören, deren Geist auf die Männer vom Felswallabytotem wartet.

 

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Ich saß nachdenklich im Fahrzeug, das in gleichmäßigem Tempo dem Ende unserer Fahrt entgegenbrummte.  Die warme Mittagsluft blies kühlend durch die offenen Fenster, die wir, wie gewohnt, bei Begegnungen mit anderen Fahrzeugen rasch schlossen.  Das Land eilte vorbei, mit Bäumen und Termitenhügeln verschiedener Höhen und Formen, mit braunem trockenem Gras - eine Landschaft ausgebleicht von der Sonne, ein Land, das schon seit langem keinen Regen gespürt hatte.

 

Langsam verschwamm vor mir die Landschaft und es stiegen die Bilder auf, die in meiner Erinnerung eingegraben waren: die bunten Schmetterlinge im Regenwald, der sterbende Aborigine, das versteckte Krokodil und das Ersaufen unseres Autos im Jardine Fluß, die Haifinnen beim Kap York, der verunglückte Angelzug am Rückweg von Thursday Island, der Schlamm, aus dem wir unsere Fahrzeuge herausziehen mußten, der singende Eukalyptusbaum, Lisas zarte Figur unter den Röhrenden Wasserfällen.  Bilder über Bilder und Erlebnisse, die dramatisch gewirkt haben.  Es ist die Landschaft selbst dramatisch und alles was hinter ihr steht, was sich hinter ihr verbirgt.  Der Boden, die Steine, die Bäume sprechen, Spuren zeugen von gegenwärtigem und vergangenem menschlichem Wirken.  Wenn Augen und Ohren offen sind, dann sieht und hört man, was die Landschaft und die Dinge in ihr sagen wollen.

 

 

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