Eine Nacht in Pergamon

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Joe Paul

 

Die Gegenwart in den Ruinen ist verstummt, aber eine stille Nacht erweckt Vergangenes wie im Geisterhauch. Die Skelette der Mauern und Nischen, der Säulen, Pflastersteine und Podeste wispern Geschichten. Sie weihen den ein, der mit seinem inneren Ohr hören kann. Es sind zwar keine Daten und Ereignisse, die in Büchern stehen. Es sind Ahnungen von einstigem Alltagsleben, von Freuden, Leiden, Streben und Sterben.

 

Am Fuße des Berges flammen die Lichter des heutigen Bergama zögernd auf. Noch hängt ein zarter Schleier des erlöschenden Tages vom Himmel, die frechsten Sterne stechen schon heraus, aber der Mond läßt auf sich warten. Ich habe mich auf eine niedrige Mauer gesetzt und biete meine feuchte Stirne der zarten Nachtbrise. Ich bin rastlos aufgestiegen, um noch bei Tageslicht die Akropolis des antiken Pergamon zu erreichen.

 

Im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als Pergamon gegründet wurde und in den Jahrhunderten darnach, wäre es auch bei Nachtanbruch nicht still gewesen. Hier, an diesem Schwerpunkt hellenistischer Kultur wären Tempelhüter und Palastdiener noch am Werk gewesen. Das gemeine Volk lebte sicher auch damals in den Niederungen. Pergamon blühte noch als die Provinz bereits in den Besitz Roms übergegangen war. Der Arzt Galen wurde hier im Jahre 131 geboren. Sein Erbe reicht bis in unsere Zeit; ein Teil meiner pharmazeutischen Ausbildung nennt sich „galenische Pharmazie“! Ob nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs die verfallenden Prachtbauten von der Landbevölkerung weiter verwendet wurden?

 

Nun wandere ich allein durch enge Gassen, über Plätze, klettere Treppen auf und ab. Dann und wann streichen Gerüche von Oleander, von Erde oder Moder über meine Nase, oder es raschelt ein Strauch. Ich schreite durch ein dunkles Tor in einen hohen Raum mit lichtlosen Nischen. Fahler Schein fällt durch eine Fensterhöhle, erhellt einen marmornen Altar und malt meinen Schatten als schleichenden Doppelgänger ans Gemäuer. Ich zucke zusammen und bevor ich haltmache, bricht eine Säulenreihe den Spuk. Darunter gibt es aber viele geborstene, gestürzte; von manchen sind nur die Sockel geblieben. Dann schiebt sich vor den Nachthimmel ein Portal - bestrahlt vom matten Licht der tiefliegenden Stadt. Über dem Querbalken, der auf mächtigen Säulen ruht, hängt schweigend das Sternbild der Krone.

 

Eine steile Straße leitet mich zum Amphitheater, dessen Sitze halbkreisförmig in den Hang hineingebaut sind. Ich setze mich und lasse den Ausblick auf mich wirken. Hinter den Lichtern der Stadt dehnen sich Hügel und Ebenen, bis sie den Himmel „Gute Nacht“ küssen. Ich kann mir vorstellen, wie die Besucher vor 2000 Jahren die Paläste und Tempel bestaunt haben, welch einmaliges Erlebnis ein Besuch des Theaters gewesen ist, wenn solch außergewöhnlicher Rundblick Kulisse für das Bühnengeschehen war. In der Nähe stand auch der großartige Zeusaltar, dessen Plattform ich in der Dunkelheit kaum ausnehmen kann. Deutsche Geologen haben seine Reste ausgegraben und in Berlin wieder zusammengesetzt. Ich würde ihn dort im Pergamonmuseum einmal besuchen.

 

Ich bin am Ende meiner Reise durch Anatolien angelangt und lasse die Fülle meiner Erlebnisse im Geiste vorbeiziehen. Das gegenwärtige Abenteuer ist nur eines von vielen. Ich werde in Zukunft viel erleben, nicht nur als Reisender, sondern auch als Wissenschaftler. Die Welt ist so reich an Schönem und Interessanten, daß niemand sie ausschöpfen kann. Man muß sich ihr nur öffnen, um reich zu werden, nicht an Geld, aber an Erfahrungen.

 

Noch einmal taste ich mich eine Treppe hinauf. Sie wendet sich mehrmals nach beiden Seiten und bringt mich in ein hohes Gebäude. Die zerrissenen Mauerkronen stecken im Sternenhimmel. Mit angehaltenem Atem gehe ich durch die Räume und hoffe, daß sich in ihnen kein lichtscheues Gesindel verborgen hat. Hier in der Nähe könnten sich die Übereste der Bibliothek befinden, die zu Pergamons Blütezeit mit ihren 200.000 Bänden mit Alexandrien wetteifern konnte. Ägypten verbot deswegen die Ausfuhr von Papyrus, was allerdings dazu führte, daß Pergamons Gelehrte das „Pergament“ erfanden. Anstelle von Schilf verwendeten sie feine Kälberhaut zur Herstellung ihrer Buchrollen.

 

Es ist Zeit, meinen nächtlichen Rundgang mit einem Besuch des Asklepieion zu beenden. Diese berühmte Heilanstalt liegt aber nicht im Bereich der Akropolis sondern unterhalb. Ich möchte der Dunkelheit ausweichen und wähle eine Burgmauer als Abstiegspfad, muß aber bald erkennen, daß ein Abstürzen von dort kaum vermeidlich wäre. Da finde ich dann einen Turm, in dem eine Stiege in totale Finsternis führt. Mit großer Vorsicht fühle ich meinen Weg hinab. Endlich öffnet sich ein Tor und ich stehe unterhalb der Mauer.

 

Für mich ist der Rückweg zur Gegenwart nun offen. Die Patienten der Antike mögen in ähnlicher Weise die Rückkehr zu Gesundheit erwartet haben, wenn sie im Gelände des Asklepieion durch einen unterirdischen Korridor zum Tempel des Telesphorus geschritten sind. Zur Heilung wurden Schlammpackungen, Massage, Kräuter und Salben, sowie Trinkkuren mit „heiligem“ Wasser verwendet. Traumdeutung half der Diagnose. Positive psychische Einstellung, der Glaube an die Besserung, war wesentlicher Bestandteil der Gesundwerdung. So wie auch heutzutage!

 

 

                                                        

 

 

 

Geschrieben zu meinen Studententagen und in einem alten Tagebuch wiedergefunden im Jahre 2006

 

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