FAHRT ZUM BEGINN ALLER NEUEN TAGE

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Joe Paul

 

 

Der Schauplatz

 

Im Osten von Neuseelands Nordinsel wächst aus massiver Landschaft, die weit ins Meer vorstößt und deren Zipfel das Ostkap Neuseelands ist, der Berg Hikurangi.  Seinen nahezu 1400 m hohen Gipfel berühren die Strahlen der Sonne zu Beginn jedes neuen Tages, der von dort über die Erdkugel abrollt. Hier beginnen alle Tage, nicht nur für Neuseeland sondern für die ganze Welt.

 

Die Gegend ums Ostkap ist immer schon isoliert gewesen, nicht nur wegen ihrer Randlage, sondern auch weil die Wildnis des Urewera Nationalparks die große Halbinsel abschirmt und das unwegsame Raukumara Bergmassiv das Landesinnere füllt. In der Ostkapregion ist die Maoribevölkerung stark vertreten, auf dem Lande zu mehr als 50%, in der Stadt Gisborne zu etwa einem Drittel. Der meiste Verkehr führt an der Halbinsel vorbei, auf einer Straße, die von Gisborne in der Poverty Bay durch die Waioeka Schlucht zu Opotiki in der Bay of Plenty führt. Die Küstenstraße ist ein großer Umweg, eröffnet aber immer wieder malerische Buchten und Dörfer, wilde Klippen und einladende Strände.

 

 

Heiße Quellen im Palmenwald

 

Von der Hauptstadt Wellington erreicht man Gisborne mit dem Auto über Hawkes Bay leicht in einem Fahrtag. Meine Frau Klara und ich, wir wollten aber bereits bei den heißen Quellen von Morere haltmachen. Dieser Ort liegt an einem Palmenwald am Fuße der Hügel, die Hawkes Bay von Poverty Bay trennen.

 

Wir hatten unsere Tochter Elli dazu überredet, uns zu begleiten, was dem siebzehnjährigen Mädchen nicht leicht fiel. Sie wollte lieber mit ihrer Freundin Jan ihre Ferien verbringen. Unserem Kompromißvorschlag, Jan könne ja auch mitkommen, hatte Elli nichts entgegenzusetzen. Schließlich waren die beiden Mädchen sogar erpicht darauf, zu den Fahrtkosten und etwas Luxus beizutragen. "Wir führen euch gleich einmal hier zum Nachtmahl aus," versprachen sie stolz. Also richteten wir uns in den leider teerstinkenden und gelsenverseuchten Wohnkabinen des Morere Motorkamps ein und speisten im Familienrestaurant neben dem Bad.

 

Die warmen Regenschauer des folgenden Morgens störten uns nicht, denn wir saßen im heißen Becken der Thermalquelle. Das Becken ist überdacht und so groß, daß man schwimmen könnte, wenn das Wasser nicht so atemraubend heiß wäre. Dafür ladet das anliegende Freibad zum Schwimmen und Umhertollen ein.

 

Ich hatte den Mädchen geraten, alte Badeanzüge zu tragen, da das jodhältige Wasser der Quelle Stoffe verfärbt und der Jodgeruch lange im Gewebe hängen bleibt. Elli entschied sich dennoch für einen modischen eher knappen einteiligen Badeanzug und Jan für einen winzigen Bikini (weil dieser weniger „enthüllend“ wäre als ein „durchsichtiger“ einteiliger....)

 

Später wanderten wir durch den Park des Bades, einem Bach entlang, hinauf in den Palmenwald. Dort überraschte uns ein kleiner moderner Badepavillon: dieser öffnete sich dem Wald zu und schützte mit einem Steildach aus dunkel gebeiztem Holz auf Eisenträgern drei Edelstahlwannen. Diese waren im Boden versenkt und enthielten jeweils heißes, warmes und kaltes Wasser. Wir bekamen beim Baden Gesellschaft. Elli und Jan scherzten mit einer Gruppe junger Burschen und Mädchen und Klara begann ein Gespräch mit einem Mann aus Gisborne, der über den schwierigen Arbeitsmarkt in dieser Stadt redete. Sie teile das Schicksal abgelegener Gegenden Neuseelands; alle Industrie zöge nach Auckland, dem Wasserkopf Neuseelands.

 

Dann liefen Klara und ich durch den Wald, der fast ausschließlich aus einheimischen Nikaupalmen (Rhopalostylis sapida) besteht. Wir genossen den Geruch der würzigen feuchten Luft, der durch die gelegentlichen Regenschauer verstärkt wurde. Große Palmenwedel hingen von den Bäumen und krachten mit beängstigendem Geräusch zu Boden.

 

 

Unter Wasser bei Mahia

 

Etwas abseits der Hauptstraße nach Gisborne liegt die Halbinsel Mahia. Sie taucht ihren kräftigen Kopf tief ins Meer und wird nur durch einen schmalen Hals mit dem Festland verbunden. Elli und Jan wollten sie gerne kennenlernen, weil viele ihre Freunde dorthin schnorcheln führen. Wir hatten daher auch unsere Schnorchelausrüstung mitgenommen.

 

Das Motorkamp von Mahia liegt an einem schönen gelben Sandstrand, der sich etliche Kilometer weit der Halbinsel entlang dehnt und erst bei einer Steilklippe haltmacht. Er lud zum Baden und Frisbeewerfen ein. Nach dem Aufstellen unserer Zelte im Motorkamp fuhren wir zur Ostseite der Halbinsel tauchen. Dort fanden wir Gezeitenbecken mit kristallklarem Wasser unter dem wunderliche Formen sichtbar waren. Außen klatschten Wogen auf die Küstenfelsen. Das waren glatte Platten mit vom Meer herausgebissenen Mustern und mit hunderte Meter langen parallelen Graten, die von der zurückweichenden Flut immer mehr entblößt wurden. Wir tauchten in den Becken und entlang der Küste. Ich wand mich durch in der Strömung fächelnde Wasserpflanzen und vorbei an Felszacken. Hin und wieder schnellte ein Fisch vorbei. Als unter mir die Felsbrocken zu tanzen begannen, wußte ich, daß ich in die Brandung der nahen Klippe gelangt war. Wir froren schon alle, als wir schließlich wieder auf einer Felsplatte am Ufer aufsetzten.

 

 

Wo Kapitän Cook an Land ging

 

Wenn man die Küstenstraße von Süden nach Gisborne nimmt, muß man einen Höhenzug überqueren.  Vom höchsten Punkt der Straße öffnet sich der Blick auf die Poverty Bucht  mit Gisborne an ihrem Ende. Wir identifizierten auch die Landzunge, die Young Nicks Head heißt. Diese ist nach einem Nicholas Young benannt, einem zwölfjährigen Burschen, der Neuseeland als allererster am 7. Oktober 1769 gesichtet hatte. Kapitän Cook, der wußte, daß sich sein Schiff, die Endeavour, in unmittelbarer Nähe von Festland befinden mußte, hatte eine Gallone Rum demjenigen versprochen, der als erster Land sichten würde. Außerdem sollte der zuerst gesehene Küstenteil nach dem erfolgreichen Matrosen benannt werden. Was für eine Unzufriedenheit unter der Schiffsbesatzung, als ein Zwölfjähriger den Preis gewann!

 

Hinter dieser Landzunge lag bereits Gisborne und auf dem blauen Meer rechts davon schwamm der weite Bogen der Ostkapküste im Dunst des Horizonts. Die Temperatur lag wahrscheinlich um 30 Grad Celsius, als wir zu Mittag in Gisborne einfuhren. Das ist für Neuseeland eine hohe Temperatur und es ist sicher kein Zufall, daß gerade in der Nähe von Ruatoria, der Hauptsiedlung im Kapgebiet, die höchste Temperatur der Nordinsel seit Beginn der Messungen festgestellt wurde:  39,2 Grad im Jahre 1973.

 

Wir suchten gleich den Weg zum nächsten Strand. Das ist in Gisborne nicht schwer, denn die weitgestreckten Sandstrände der Poverty Bucht ziehen sich bis Gisborne und darüber hinaus. Heran wellte die Brandung, in der eine Gruppe kleiner Jungen ihre ersten Surf-übungen ausführte. Sie paddelten mithilfe ihrer Hände ins Meer hinaus und ließen sich dann auf ihren Surfbrettern stehend oder knieend strandwärts zurücktreiben. Wir stürzten uns in den Schaum der heranrollenden Wogen. Die wenigen Bäume entlang des Strandes warfen zwar etwas Schatten, aber der hellbraune feine Sand des Strandes war so heiß, daß jeder rasch darüber hinweg zum kühlenden Wasser sprang.

 

Elli und Jan sind in Wellington aufgewachsen und fanden die Hitze von Gisborne schwer erträglich. Sie wären am liebsten sofort weitergefahren oder am Strand geblieben. Doch wir wollten kurz einige Hauptattraktionen von Gisborne sehen.

 

Die Stadt liegt hübsch dort wo sich zwei Nebenflüsse zum Turanganui vereinigen und erstreckt sich bis zu dessen Mündung ins Meer. Zuerst fuhren wir zur historischen Dampferanlegestelle. Obwohl die Zeit der Dampfschifffahrt längst vorbei ist, fanden wir diese Gegend malerisch mit den verschiedenartigen Fischer- und Segelbooten, die dort verankert waren. Wir überquerten die Brücke über den Fluß und folgten den Docks und Anlegestellen bis zu der Stelle, wo Kapitän Cook das erste Mal in Neuseeland an Land ging. Doch kamen wir vorerst gar nicht so weit. Alle waren wir so durstig, daß wir in eine kleine Hafenschenke einkehrten, Eiskreme schleckten und Limonade tranken, trotz dem üblen Geruch der nahen Fischverarbeitungsfabrik.

 

Ein Obelisk kennzeichnet Cooks Landestelle. Es ist kein Zufall, daß der Kapitän von Osten kam. Er sollte den Durchgang der Venus zwischen Erde und Sonne von Tahiti aus beobachten und dann nach Süden segeln, um den "fehlenden Kontinent" zu suchen. Im 18. Jahrhundert glaubte man nämlich noch immer an die Existenz einer Terra Australis Incognita, an einen unbekannten südlichen Kontinent. Frühere Forscher hielten sogar Neuseeland für einen Teil dieses Kontinents. Kapitän Cook segelte also von Tahiti bis über den 39. Breitegrad nach Süden und da er - wie er es ohnehin vermutet hatte - den Kontinent nicht fand, änderte er seinen Kurs nach Westen, um auf die damals noch unbekannte Ostküste von Neuseeland zu treffen.

 

Cook war nicht der erste, der Neuseeland von Osten ansegelte. Vor etwa 600 – 900 Jahren landeten an der Ostküste etliche Kanus polynesischer Seefahrer aus dem sagenhaften Land Hawaiiki. Ob sie dieses mit Absicht verlassen hatten oder ob sie vom Wind verschlagen worden waren, wissen wir nicht. Von ihnen stammen die Maori ab. Die an einem glücklichen Ende ihrer Odyssee bereits zweifelnden Seefahrer mögen Hikurangi als Vorboten des neuseeländischen Festlandes gesichtet haben und sollen ihn nach einem Gipfel ihrer früheren Heimat "Himmelsspitze" genannt haben. Mit Hikurangi verbindet sich auch in symbolischer Weise die Legende von Maui, dem Schöpfer Neuseelands. Als dieser das Land aus dem Meer fischte, soll Hikurangi zuallererst die Meeresoberfläche durchbrochen haben.

 

Nach der Besichtigung des Obelisken fuhren wir den Kaiti Hügel hinauf, von dem wir einen ausgezeichneten Rundblick auf Gisborne und seine Umgebung hatten. Dort steht nun auch die Statue von Kapitän Cook. Zu ihr leitet, von der Straße her, ein gekurvtes Gemäuer, doch kann sie auch auf einem Fußpfad erreicht werden, der von dem Obelisken hinauf führt. Etwas weiter oben krönt den Hügel das östlichste Observatorium der Welt. Am Fuß des Kaiti Hügels gibt es ein Maoriversammlungshaus und eine Maorikirche, beide Gebäude wert eines Besuches, doch dafür hätten die verschwitzten und überhitzten Mädchen keine Geduld gezeigt.

 

 

WAIHAU - das Windige Wasser

 

"Hupe doch lieber zweimal!" schlug Jan vor, als Elli wieder um eine der zahlreichen Haarnadelkurven der Sandstraße fuhr, die zur Waihau Bucht führte. "Erinnere dich, Elli, auf diesen Sandstraßen kannst du nicht scharf bremsen!" mahnte ich.  Das empörte Elli: "Laßt mich in Ruhe. Ich kann doch autofahren!" Wir waren von der asphaltierten Hauptstraße abgezweigt und fuhren bergauf-bergab zu der Meeresbucht, deren Name auf deutsch "Windiges Wasser" heißt. Doch jener Tag war windstill. Unter uns dehnte sich das silberglänzende Meer und der schöne Sandstrand. Hohe Bäume begleiteten den Strand und unter ihnen reihten sich einige Zelte. Ein kleiner Bach, der Trockenheit wegen zu einem Rinnsal geschrumpft, floß in einen Tümpel oberhalb der Hochwasserlinie, bevor er im Sand versickerte.

 

Unweit des Baches stellten wir unsere Zelte auf und liefen zum Meer, um zu schwimmen und Frisbee zu werfen. Am Abend wanderten wir lange dem Meer entlang und sahen dem Wasser zu, wie es nach und nach die aus dem Sand stechenden Felsen freigab, während die Ebbe fortschritt. Es dauerte nicht lange, bis Elli und Jan mit anderen jungen Leuten Bekanntschaft geschlossen hatten. Jan war dies bereits auf ungewöhnliche Weise gelungen.

 

Auf der Anhöhe hinter dem baumbestandenen Strand gab es ein freistehendes Aborthäuschen, unkompliziert und daher auch ohne Haken zum Abschließen der Türe. Jan kletterte die Anhöhe hinauf und sah über die verlassene, stille Abendlandschaft. Einige Schafe kauten friedvoll auf den Weiden. Sie eilte auf das einsame Häuschen zu, riß die Türe auf und sah drinnen einen jungen Mann sitzen. Mit schelmischen Augen erzählte sie dies Elli. „Ich habe mich entschuldigt und die Tür gleich wieder zugemacht. Der Kerl war gut gebaut und nahtlos braun.“ „So genau hast Du Dir den anschauen können?“ wunderte sich Elli, kichernd.

 

Die tiefe Sommernacht kam spät. Das Lagerfeuer war heruntergebrannt. Wir waren weit von Ansiedlungen und deren Beleuchtungen entfernt. Ungestört und kristallklar stachen die Sterne in großer Vielzahl aus dem schwarzen Himmel. Nur in der autralischen Wüste habe ich auch solche Intensität erlebt.

 

 

 

Tolaga

 

Nach dem abgelegenen Waihau kam uns Tolaga Bay belebt vor. Doch hat auch diese Ortschaft, so wie alle anderen Ansiedlungen der Ostkapküste wirtschaftlich an Bedeutung verloren. Sie ist allerdings noch ein beliebter Ferienort. Der 660 m ins Meer hinauslaufende Landesteg, der einst regelmäßigen Verladetätigkeiten gedient hatte, wird nun von Anglern verwendet.

 

Nach einem kurzen Besuch der Ortschaft fuhren wir zum Motorkamp, das hinter den Dünen und dem Landesteg am Südende der Bucht liegt. Unweit davon stehen Felsklippen, über die ein Steig zu Cooks Cove führt. Diese kleine geschützte Bucht soll Cook mit Wasser, Brennholz und wilder Sellerie versorgt haben. Obwohl im 18. Jahrhundert Vitamin C und seine Bedeutung noch nicht erkannt waren, wußte Cook, wie wichtig grüne Pflanzen zur Vorbeugung von Skorbut wären und er versuchte die Eßbarkeit aller Arten fremder Gemüse. So kochte er zum Beispiel die Blätter des neuseeländischen Ti Baumes (Cordyline sp.), die in Büscheln auf schlanken Stämmen wachsen, und fand deren Geschmack dem von Kraut ähnlich. So hat der Baum seinen Namen "Cabbage Tree", d.h. "Krautbaum" erhalten.

 

Ich saß am Ende des Landungssteges und ließ meine Beine über dem Wasser baumeln, das einschläfernd gegen die Pfosten des Steges plätscherte. Manche der Küstenberge baden vorsichtig ihre Zehenspitzen im Wasser, doch die Klippen zu meiner Rechten boten trotzig ihre steilen Flanken der Brandung. Da die Gegend um das Ostkap aus jungem Sedimentgestein besteht, sind alle diese Felsen weich. Manchmal brechen Stücke ab und fallen explosionsartig ins Meer. Zur Linken, in der Ferne, stieß der nordöstliche Bogen der Bucht ins Blau des Meeres und des Himmels vor. Auf der Wasseroberfläche konnte ich die Umrisse eines Bootes erkennen. Erst schien mir dies als nichts Besonderes, doch dann merkte ich, daß das Boot lang und schmal war und von etlichen Leuten gerudert wurde. Sie waren offenbar erregt, denn ich hörte Schreie und sah Handbewegungen.  

 

Mit einem Ruck fuhr ich auf. War das ein Maorikanu oder träumte ich? War es das Phantom des Tokomaru, des Kanus, das vor 600 Jahren an dieser Küste in der nach ihm benannten Bucht gelandet war?

 

Ja, es war tatsächlich ein langes schmales Boot - doch war es ein Sportruderboot, bemannt von etlichen jungen Männern, die zu den Rufen ihres Kapitäns die Ruder rhythmisch ins Wasser setzten und hoben.

 

Am Nachmittag standen wir auf der grasbewachsenen Anhöhe, die unser Motorkamp überschaute. Dieses lag unmittelbar zu unseren Füßen und von da an dehnte sich der hellgraue Strand nach Nordosten und durch die Ebene, die er abschloß, schlängelte sich das Silberband des Flusses. Auf der dem Meer abgewendeten Seite verwandelten sich die Klippen, auf denen wir standen, in sanftere Hänge, fielen in mit Manuka (Leptospermum scoparium) bewachsene Täler ab und stiegen zu in Weiden umgewandelte Kuppen auf.

 

Unser Ziel war die historisch bedeutende Bucht Cooks Cove. Der Weg dorthin war nicht weit, aber abwechslungsreich mit vielen Ausschaumöglichkeiten. Bald sahen wir den kleinen Meereseinschnitt, der sich in einem sanften Tal fortsetzte. Nur der Eingang zur Bucht war von steilen Wänden behütet. Vorgelagert waren zwei Inselchen.

"Das war aber nicht Cooks zweite Landestelle," behauptete Klara, "sondern eigentlich die dritte, denn er segelte zuerst weiter östlich nach Anaura Bay, wo er wegen der starken Brandung keine Vorräte an Bord bringen konnte." Verständigen konnte sich Cook mit den Maori nur sehr beschränkt. Er fand wohl die ihm von den Maori empfohlene Bucht, die jetzt Cooks Cove heißt, doch benannte er Tolaga Bay falsch. Tolaga ist kein Maoriwort, sondern eine Verballhornung.

 

Bevor wir zu Cooks Cove durch Manukawald abstiegen, konnten wir von einem landbeherrschenden Punkt die gesamte Landschaft wie ein Buch vor uns aufgeblättert sehen. Wir blickten auf eine flache Anhöhe, wo sich in alten Zeiten ein Maoridorf befunden hatte. Dort wuchsen einige Krautbäume in der Nähe der noch sichtbaren Vorratsgruben. Auf einem der steilen Hügel oberhalb der Bucht soll nach den Berichten von Cooks Begleiter Banks ein Wehrdorf gestanden sein. Es war bereits damals verlassen gewesen, doch hatte Banks die Wohnanlagen und Befestigungen noch intakt gefunden. Der Zugang war sehr steil und so schwierig, daß er jeden Angreifer der damaligen Zeit abschrecken hatte müssen.

 

Schließlich liefen wir hinaus auf die sich sanft zum seichten Wasser senkende Rasenfläche, jetzt natürlich - wie könnte es in Neuseeland anders sein - eine Weide. Es war ein heißer Tag, so daß wir uns auf ein Bad freuten. Leider war gerade Ebbe und die Bucht zeigte sich als sehr seicht. Sicher ist sie in den zwei Jahrhunderten seit Cooks Besuch versandet. Wir wateten weit ins Wasser hinein, um schwimmen zu können, doch die Tauchausrüstung hatten wir umsonst mitgetragen.

 

Am Rückweg besuchten wir das sogenannte Große Loch. Ein hallenförmiger Durchbruch verbindet das ruhige Tal der Cooks Cove mit der bewegteren Tolaga Bay jenseits der Küstenfelsen. Der Tunnel verschluckte uns und spie uns zwischen hausgroßen Felskuben wieder aus. Von einem solchen konnte ich sehen, daß es vom Loch bis zum Landungssteg von Tolaga Bay gar nicht weit war.

 

 

Eine Rote Höhle?

 

Die Bucht von Anaura dehnt sich von einer grasigen Terrasse am Nordostende, wo man frei zelten kann, bis zu einer kleinen Maorisiedlung in der Nähe des Südwestendes. Dünen aus gelbbraunem feinem Sand breiteten sich hinunter zur regelmäßig heranrollenden Brandung. Eingefaßt wird die Bucht von Hügeln, die teils kahl sind, teils einheimischem Busch tragen.

 

Es war heiß. Wir stellten unsere Zelte im Schatten hoher Bäume auf und liefen zum Strand, dorthin wo wir ihn auf weite Sicht für uns allein hatten. Wir zogen uns ganz aus und stürzten uns in die Wellen, die uns immer wieder sanft aufhoben und fast bis zum Meeresboden fallen ließen. Abgekühlt schmiegten wir uns in den sonnengebackenen Sand. Die warme Luft umwehte uns mit Meeresgeruch, der uns an mediterrane Strände erinnerte.

 

Ein einsamer Strandwanderer, der wie wir nackt badete, erzählte uns, daß er schon seit vielen Jahren gerne hier her käme. „Ursprünglich hat es hier kein Trinkwasser gegeben,“ erklärte er, „aber vor einigen Jahren steuerten einige Leute, die hier regelmäßig zelten, zusammen für den Bau einer Wasserleitung und eines Wasserspeichers. Das Wasser kommt aus dem kleinen Bach, der aus den Hügeln hinter dem Zeltplatz fließt, und ist sauber. Die vormaligen Viehweiden werden nämlich vom Forstamt in Waldland zurückverwandelt."

 

Es sind leider keine einheimischen Bäume, die gepflanzt werden, sondern Pinus radiata, die in Neuseeland nun weitverbreitete Föhre von Kalifornien. Diese hat weiten Landstrichen einen eigenen Charakter aufgeprägt und für die Holzwirtschaft unseres Landes große Bedeutung erlangt.

 

Der Mann empfahl uns auch einen Wanderweg über die nahen Hügel und Täler.

Wir zogen am Nachmittag los, als sich die größte Hitze des Tages gelegt hatte. Zunächst genossen wir die weite sommerliche Aussicht aufs blaue Meer mit den ausgewaschen-braunen sonnengebackenen Vorbergen und Inseln, dem weißwogenverbrähmten Halbmond des Strandes mit den grünen Weiden und Waldgruppen dahinter, atmeten die warme meerduftgeschwängerte, nach Heu riechende Luft und genossen das Streicheln des Windes auf unserer Haut. Ich wußte, daß Anaura "Rote Höhle" bedeutet und machte mir Gedanken darüber, wo es hier Höhlen geben könnte, noch dazu "rote"?

 

In den Tälern hinter den Küstenbergen, wo wir durch hohes blühendes Gras auf und ab stiegen, stand die Luft wie in einem Backofen. Erst in dem engen bewaldeten Tal, wo ein Rinnsal hinunter zur Küste gluckste, fiel Kühle von den Bäumen.

 

Als der nächste Tag zwar warm aber ohne Sonne begann, beschlossen wir weiter zu fahren, obwohl wir noch gerne geblieben wären. Doch war so viel Anderes zu erforschen, andere Strände und Buchten mit verschiedenem Charakter. Auf der Gisborneseite des Kaps waren es meist Sandstrände mit Maoridörfern, auf der Opotikiseite würden wir eher Schotterstrände und malerische Felsklippen vorfinden.

 

"Werden wir uns die kleine Halbinsel Te Mawhia in Tokomaru Bay anschauen?" fragte Elli. "Dort haben sich zur Zeit der Hauhau-kriege drei europäische Walfänger und zwei Maori-krieger zusammen mit den Frauen des Stammes der Ngati Porou heldenhaft verteidigt". Elli hatte offenbar in der Schule davon gehört. "Die Ngati Porou waren als Verbündete der neuseeländischen Regierung im Kriegszustand mit den Hauhau, die gegen die Regierung kämpften. Die Hauhau hatten einen Stützpunkt in Tokomaru Bay und die Ngati Porou wollten sie von dort vertreiben. Zu diesem Zweck verließen die meisten Männer der Ngati Porou ihre Wehrsiedlung auf Te Mawhia, die sie für unangreifbar hielten, weil sie bei Flut vom Festland abgeschnürt war und auf einem schroffen Felsen lag. Die Hauhau mußten aber erfahren haben, daß Te Mawhia ungeschützt war und griffen an. Mit dem heldenhaften Widerstand der Verteidiger hatten sie nicht gerechnet. Während die Männer ihre Gewehre verwendeten, warfen die Frauen Steine auf die Angreifer. Es war ein langer Kampf, ohne Erfolg für die Hauhau. Einer der Walfänger wurde allerdings so schwer verwundet, daß er später an seinen Wunden starb."

 

In Tokomaru Bay befand sich auch eines der drei Schlachthäuser dieser Gegend. Die anderen waren in Hicks Bay und Gisborne; damals wurde nur mehr das in Gisborne verwendet. Die Gefrierfleischfirmen machen ihre Arbeit wirtschaftlicher, doch verlieren viele Gegenden Neuseelands ihre Brotgeber.

 

 

Der Ort TE PUIA

 

Te Puia heißt "die Quelle". Diese fließt als dampfendes Rinnsal von einem felsigen Hügel und bildet eine Reihe kleiner Pfützen. Sie hat der Ortschaft, in der sie zutage tritt, ihren Namen gegeben. Vor langer Zeit wurde sie einmal gefaßt, auf erträgliche Temperatur gebracht und einem Badehaus zugeleitet, dessen Skelett noch steht. Es muß eine sehr nette Badeanstalt gewesen sein. Der Holzrahmen des kleinen Häuschen ist nun von Büschen und Unkraut umwachsen. Alle Fenster sind zerbrochen; sogar die Wände sind teilweise eingeschlagen. Doch lockte die Sonne durch das offene Dachgestühl und verklärte das mit Pflanzenresten und Schutt gefüllte Planschbecken in der Mitte des Hauses. An dessen Schmalseiten führten Stufen zu kleinen betonierten Wannen, die offenbar als Privatbecken verwendet wurden.

 

Weiter unterhalb des Badehäuschens hinter einem Hotel trafen Elli und Jan auf tatsächliche Badetätigkeit. In einem Gebäude, das allgemein zugänglich zu sein schien,.befand sich ein Thermalbecken. Zwei Maorimädchen begrüßten Elli und Jan freundlich und wickelten sich ohne Scham aus ihren Badetüchern, um nackt in das wohlig heiße Wasser einzutauchen.

 

Das eine Mädchen hatte einen kleinen Schmetterling auf ihrer rechten Brust tätowiert.

"Hat das Tätowieren nicht wehgetan?" fragte Elli.

"Natürlich! Die Haut wird mit einem kleinen Meißel aufgebrochen und dann kommt Pigment hinein. Es hat ziemlich geblutet. Aber das war es doch wert! Gefällt's dir nicht?"

"Habt ihr noch andere heiße Quellen in dieser Gegend? Vielleicht sogar zuhause?" fragte Jan wißbegierig, "so wie in Rotorua?"

Die Maorimädchen sahen einander nachdenklich an. "Nein, eher nicht, aber manchmal finden wir Te-Ahi-o-te-Atua hinter unserm Haus, „Gotteslichter“; die huschen im im Finstern umher. Manche Leute sagen, daß das Geister von Verstorbenen sind."

 

Ganz aufgeregt erzählten uns später die Mädchen von dieser Neuigkeit. Ich versuchte eine Erklärung: "Diese Erscheinungen können wie die sogenannten Irrlichter sein. Sie werden wahrscheinlich von Erdgas verursacht, das durch Erdspalten entweicht und sich manchmal spontan entzündet.“

 

Klara und ich hatten inzwischen das ehemalige Freibad entdeckt. In seinem tiefen Ende hatten sich Pflanzenreste und Unrat angesammelt. Die Außenwände waren zerschlagen und die Baderäumlichkeiten glotzten uns an wie Schädel, denen die Kiefer eingeschlagen worden waren - ein beunruhigender Anblick. Jedoch - in dem ehemaligen Kinderplanschbecken dampfte Wasser und ein paar Maorijungen sprangen darinnen herum. Einer grinste uns durch seinen zahnluckigen Mund an: „Kommt herein. Es ist schön warm!“ Das taten wir auch.

 

 Ich fragte den Zahnluckigen, warum denn das Bad nicht instand gehalten würde.

"Ach..das Gesundheitsamt hat gefunden, daß das Becken zu tief und das Wasser nicht sauber genug ist, also eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit. Da ist es dann zugesperrt worden."

"So geht's oft," dachte ich, "in diesen Gegenden ist eben zu wenig Geld, oft auch zu wenig Initiative da, um die Einrichtungen in vorschriftsmäßigem Zustand zu erhalten, besonders in Gegenden mit überwiegender Maoribevölkerung. Die Einrichtungen verfallen dann einfach oder werden rudimentär weiter betrieben."

 

Ein starker Wind war aufgekommen, wir waren aber so hungrig, daß wir unser Mittagmahl im Park bei dem derelikten Schwimmbad aßen. Wir saßen an einem Tisch, der um den Stamm einer Palme gebaut war, auf einer grasigen, baumbestandenen Anhöhe. Wir mußten alle Gegenstände mit festem Griff handhaben. Sogar das Kaffeepulver blies der Wind vom Löffel.

 

Die letzte Bucht, die wir an der Südküste des Ostkaps besuchten, war Waipiro Bay, die Bucht des "Schlechten Wassers". Waipiro sah nicht so verlassen aus, wie ich angenommen hatte. Doch starrten uns die Fensteröffnungen des offensichtlich einmal recht stolzen Gebäudes der Waipiro Trading Company, gegründet 1886, traurig an, stumm, verlassen, 100 Jahre seit seiner Gründung! Eine Gruppe halbwüchsiger Maoriburschen und Mädchen sah mir spöttisch zu, wie ich das Gebäude im Nieselregen photographierte. Etwas Leben in den Ort bringen die Urlauber, die ihre Wohnwagen und Zelte unter den Bäumen oberhalb des Strandes aufstellen.

 

Auch Waipiro war einmal ein Warenumschlageplatz gewesen, so lange, bis eine neue Straße außerhalb des Ortes gebaut wurde. Das mit rotbemalten Schnitzereien verzierte Versammlungshaus, das „Whare nui“, inmitten der kleinen Ansiedlung hat aber ebenso wie das Maorikirchlein alle Veränderungen überdauert.

 

 

RUATORIA

 

Als wir Ruatoria, die Hauptsiedlung der Kapgegend, erreichten, regnete es bereits unaufhörlich und der Wind hatte nicht nachgelassen.

"Von Ruatoria kann man bei gutem Wetter Hikurangi sehr gut sehen - doch werden wir heute kaum Glück haben," bedauerte ich.  So war es auch. In den breiten Straßen lagen Pfützen und die Stadt schien verlassen. Der Regen war warm, doch liefen wir eilig über die Straße, in der wir das Amtsgebäude der Stadt mit dem Büro für Maoriangelegenheiten erspäht hatten.

"Was willst du denn da drinnen machen?" fragte mich Elli ungeduldig.

"Ich möchte die Erlaubnis einholen, daß wir Sir Apirana Ngatas Wohnhaus und den Porourangi Marae besuchen können."

"Wer ist Sir Api- oder wie immer der heißt? Was geht uns der an?" fragte Elli weiter.

"Wir sind im Land der Ngati Porou und Sir Apirana ist einer ihrer berühmtesten Männer. Er war der erste Maori mit einem akademischen Grad, er war Rechtsanwalt und wurde später auch Parlamentsabgeordneter. Er lebte von 1874 bis 1950, also etwa zur selben Zeit wie dein Urgroßvater, Elli!" Ich erklärte auch, daß seine größte Leistung in der Wiedererweckung der Maorikünste und -kunstgewerbe gelegen hätte.

 

In der Amtsstube saß eine mütterlich wirkende Maoribeamtin. "Wir müssen nur den jetzigen Bewohner des Hauses anrufen," meinte sie. Der Mann am anderen Ende der Telephonleitung wollte meinen Namen wissen. Warum, weiß ich nicht, aber der Name machte leider auf ihn keinen Eindruck. Vielleicht hätte er einen Maoribesucher bevorzugt.

"Er ist sehr beschäftigt," bedauerte die Beamtin.

"Das ist wirklich schade," flötete neben mir Klara, "wir hätten so gerne die Schnitzereien im Versammlungshaus gesehen!"

Wir fuhren weiter.

 

Die Straße wand sich durch Täler und über Höhen und tauchte flüchtig in die Berglandschaft hinein, deren von Urwald bedeckte Schluchten und Rücken für Landesunkundige fast unzugänglich sind. Je schlechter das Wetter wurde, desto weniger oft hielten wir an. Regenböen prallten wie aus einem Schlauch gepreßt gegen unser Auto, das wir stetig gegen Nordosten dem Kap entgegen lenkten. Der Sturm gewann in steigendem Maße an Gewalt und wir spürten, wie unser Auto auf der Straße hin und her gerissen wurde. Plötzlich gab es einen Knall und es war, als ob uns das Dach abgerissen worden wäre. Als wir anhielten, bemerkten wir, daß einer unserer Koffer von der Dachgalerie fehlte. Der Wind hatte ihn einfach von seiner Vergurtung losgerissen und auf die gegenüberliegende Straßenseite in den Graben geschleudert. Der Koffer war beschädigt, aber noch geschlossen.

 

 

Eine wilde Nacht bei TE ARAROA

 

Etwa 20 km westlich vom Ostkap liegt die nächste Ansiedlung, Te Araroa, die östlichste in Neuseeland. Ihr Name bedeutet "Weiter Weg", was auch heute noch eine treffende Bezeichnung ist. Das nächste Motorkamp liegt nicht in der Ortschaft selbst, sondern noch weitere 8 km im Westen. Wir erreichten das Camp in starkem Sturm und Regen und hofften, daß wir eine freie Wohnkabine finden würden. Wie wir es wegen der Hauptreisezeit befürchtet hatten, war dies leider nicht der Fall.

 

So stellten wir unsere Zelte im Windschatten eines Gebäudes unter einer weitausladenden Weide auf. Leider versagte der Zippverschluß eines unserer Zelte und die notdürftige Reparatur erforderte einiges laterales Denken.

 

Nach unseren Lagern in einsamen Plätzen war für Jan und Elli das Motorkamp eine willkommene Abwechslung. Sie spielten Tischtennis, schlossen Bekanntschaften und Jan kaufte für uns alle Eintrittskarten zur Vorführung eines Filmes im Gemeinschaftsraum des Motorkamps. Wir hatten ja alle keine Lust, in unsere finsteren, feuchten, vom Sturm gerüttelten Zelte zu kriechen. Doch schließlich mußte es sein. Wir blieben noch einige Zeit in einem der Zelte beisammen, um einander Geschichten zu erzählen. Elli erzählte ein tragisches Begebnis von Hicks Bay, der Bucht, die nur ein paar Kilometer jenseits des Landvorsprunges liegt, an den sich unser Motorkamp schutzsuchend anschmiegte.

 

Es ereignete sich zur Zeit, als nur wenige Europäer in Neuseeland wohnten. Zwei von einem Schiff abgesprungene Seeleute waren von den hier einheimischen Maori aufgenommen worden. Damals desertierten manche Matrosen, lag doch Neuseeland einige Monate Seereise von Europa entfernt. Nach dem Kampf mit Wasser und Wind und den Entbehrungen des langen Segelns durch die Weltmeere erschien den Männern Neuseeland wie ein Paradies, besonders, wenn sie sich in eine der vollbusigen braunhäutigen Maorischönheiten verschauten.

 

Der eine der beiden Deserteure nahm eine Maorimaid zur Frau. Leider hatten die Hicks Bay Maori den Tod eines Kriegers von der Bay of Plenty am Gewissen und wurden von dessen Rächern angegriffen. Die beiden Europäer wußten nicht einmal von dieser Geschichte, mußten aber mitbüßen. Der Freier des Maorimädchens wurde gerade an seinem Hochzeitstag von den feindlichen Kriegern aufgefressen.

 

Ich erzählte die Geschichte von Maui, dem Schöpfer von Neuseeland. Nach der Maori Mythologie fischte Maui im Meer und sein Angelhaken blieb hängen. Er zog und zerrte. Zum Vorschein kam die Nordinsel, ein Stück Land herausgerissen aus dem glühenden Erdinneren. Ein kleines Stückchen brannte sogar noch. Maui schüttelte seinen Fang kräftig, bis das noch brennende Stückchen losbrach und etwa 50 Kilometer vom Strand der Bay of Plenty im Westen des Ostkaps landete. Es erübrigt sich, die Geschichte in Frage zu stellen, denn der Beweis ist für jeden sichtbar: das brennende Stück glost und raucht immer noch. Es ist White Island, die Weiße Insel, einer der Vulkane, die sich in einer Kette quer über die Nordinsel ziehen. Diese Zone Neuseelands wird am häufigsten von Erdbeben erschüttert.

 

In der folgenden Nacht tobte der Sturm und zerrte am Zelt und der Regen peitschte dagegen. Ich schlief unruhig und wachte immer wieder auf, wenn uns ein starker Stoß des Sturmes traf oder mir Wassertropfen ins Gesicht spritzten. Ich träumte, daß ich auf einer weiten Ebene stand. Wenn Wolkenbänke den Mond verdeckten, war die Nacht stockdunkel. Von ferne rollte Donner heran. Oder war es die unruhige Erde, deren Krusten gegeneinander krachten und deren geschmolzene Gesteine an die Vulkankrater drängten? Oder war es der Orkan, der gegen alles schlug, was sich ihm in den Weg stellte?

 

Als der Sturm die Wolken vom Mond fortriß, wuchs vor mir die Gestalt eines Hünen aus der Ebene. Er hatte seinen Rücken dem Meer zugekehrt und hielt sich an einem Hügel fest. Da wußte ich plötzlich, daß es der Hüne war, der das Geräusch des Donners verursachte. Er hielt sich nicht nur an dem Hügel fest, sondern verwendete ihn als Handhabe, um die Landschaft zu verschieben. Er schob das Land in meine Richtung, während hinter seinem Rücken der Feuerschein der Weißen Insel flackerte.

 

"Halt ein, Maui!" rief ich entsetzt, "du vernichtest, was du geschaffen hast! Du hast das Land aus dem Meer gezogen und nun versenkst du es wieder!"

"Was ich schiebe, ist die Platte des Pazifik. Mit ihr hebe ich die Platte, auf der Australien liegt. Sieh! Das Eine wird versenkt und umgeschmolzen, das Andere wird emporgehoben!" Und er gab der Landschaft einen so kräftigen Stoß, daß ich zu Boden geworfen wurde und mit Grauen hörte, wie Häuser zusammenkrachten und Bäume umstürzten. Mit einem Schrei fuhr ich aus meinem Schlaf auf.

 

Leider sollte sich mein Traum verwirklichen. Wenige Wochen später wurde die Bay of Plenty von einem der ärgsten Erdbeben der letzten Jahrzehnte heimgesucht. Zwei Ortschaften, Edgecumbe und Kawerau, wurden teilweise zerstört. Eisenbahnschienen verbogen sich, Straßen zerplatzten, Brücken rissen sich von ihren Verankerungen los. Die Erde öffnete sich mit Spalten bis zu drei Meter tief und zwei Meter breit. Eine Diesellokomotive kippte wie ein Spielzeug von den Schienen, ein schwerer, mit Baumstämmen beladener Lastwagen sprang fast zwei Meter seitwärts. Zwei Fabriken wurden völlig lahmgelegt. Speichervorrichtungen fielen um und wurden wie Blechdosen zerquetscht. Rohrleitungen wurden zu Knäueln zerknittert. Das Hauptbeben hatte 6.25 auf der Richterskala gemessen und Nachbeben erschütterten die Gegend noch während der folgenden Wochen.

 

 

Am Ostkap

 

Wir überdauerten die Nacht, ohne überschwemmt zu werden und ohne daß uns der Sturm die Zelte losriß. Am Morgen konnten wir in eine Kabine einziehen und unsere Sachen trocknen.

 

Am folgenden Tag hatten Regen und Sturm nachgelassen. Wir verließen das Motorcamp und folgten einer guten Asphaltstraße zur Ortschaft Te Araroa, wo wir das östlichste Hotel der Welt und den grasüberwucherten Landestreifen für Flugzeuge ansahen. Dort steht auch der größte und vielleicht älteste Pohutukawa (Metrosideros excelsa) Neuseelands. Dieser Baum soll 600 Jahre alt sein, hat 22 Stämme entwickelt und einen Umfang von 20 Metern. Der Baum mußte den Maori schon seit langer Zeit heilig oder mindestens eine Sehenswürdigkeit gewesen sein. Er trägt den Namen Te-Waha-o-Rerekohu, das "Maul des Rerekohu", weil ein Mann namens Rerekohu sein Vorratshäuschen in der Nähe stehen gehabt haben soll. Jetzt steht sinnigerweise das Hotel unweit von dem Baum. Te-Waha-o-Rerekohu ist der bekannteste Vertreter der vielen Pohutukawa, die das Ostkap säumen und um Weihnachten herum die Küstengegend in ein rotflammendes Blütenmeer verwandeln.

 

Wir setzten unsere Fahrt nach Osten fort. Die Straße führte dem Meer entlang, wurde schmäler und sandig, war aber leidlich gut zu fahren. Das Meer wütete noch. Von ihrem Ursprung, viele hunderte Kilometer im Osten, rollten die Wellen heran, klatschten über die flachen Steinplatten und gegen die zackigen Küstenfelsen, auf deren terrassenförmigen Streifen die Straße liegt.

 

Aus dieser Terrasse steigen unmittelbar steile Küstenberge. Grau und kahl standen sie da, gebadet von Wasserfällen, die die glatten Flanken hinunterstäubten. Es hatte während der letzten Tage so stark geregnet, daß sich das Wasser, ohne zu versickern, den geradesten Weg zum Meer suchte.

 

Die See zerschlug und zerfetzte sich, bis die Luft von feinsten Tröpfchen gesättigt war und Bäume und Felszacken umdunstete. Von Zeit zu Zeit erschien die Sonne und splitterte ihre Strahlen in die Farben des Regenbogens auf. Später zwängte sich die Straße mit Mühe zwischen Meer und Küstenbergen durch und brachte uns, wie erleichtert, hinaus auf die Ebene um das Ostkap, eine grüne, von der Sonne verklärte Landschaft. Der Dunst der wassergeschwängerten Luft verschleierte die Küstenlinie und von einer Anhöhe grüßte der Leuchtturm.

 

Wir parkten unser Auto am Fuße des Hügels und kletterten den steilen Weg zum Turm hinauf. Von dort überblickten wir den weiten Ozean hinter einem Inselchen, das ursprünglich den Leuchtturm beherbergt hatte. Das Wasser leckte drohend die Uferfelsen des Eilands und ließ uns die Schwierigkeiten erraten, mit denen die Versorgung des ehemaligen Leuchtturmes verbunden war. Als einmal das Versorgungsboot an den Klippen der Insel zerschellte und vier Männer ertranken, wurde der Leuchtturm auf seine jetzige Stelle verlegt.

 

Wir hatten den östlichsten Punkt des neuseeländischen Festlandes erreicht. Am nächsten Tag würden wir nach Opotiki in der Bay of Plenty fahren und damit wieder nach Westen reisen.

 

© Joe Paul 1987 &2009

 

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