IN VERLASSENEM LAND

Wanderung im Whanganui Nationalpark auf der Nordinsel Neuseelands

Joe Paul

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Eindringen in eine aufgestülpte Landschaft

  

Wir warfen keuchend unsere schweren Rucksäcke ab und streckten unsere Glieder.  Ein Regenguß hatte so plötzlich aufgehört wie er begonnen hatte, die heiße Sonne preßte durch schwere Wolken und prallte aufs dampfende Land.  Geruch von warmer Erde, blühendem Gras und feuchtkühler Luft aus wucherndem Gebüsch füllte unsere Nasen, Schweiß brach aus allen Gliedern.  Abseits von dem Karrenweg, auf dem wir gekommen waren, bestaunten wir unseren ersten Wasserfall auf dieser Wanderung.  Der Bach kam aus der Landschaft vor uns, brodelte und gurgelte in einem Steinbecken und warf sich dann über eine Gesteinskante in einen Abgrund, den wir auch mit weit vorgereckten Hälsern nur teilweise sehen konnten.  Das Wasser war braun, voll Sediment,und würde einige Kilometer weiter unten im mächtigen Whanganui Fluß enden, der seine gleichfalls braunen Wogen der Tasmanischen See entgegenrollt. 

 

Ich starrte in das braune kreisende, sich drehende und wendende Wasser; unaufhörlich wusch es die feinen Erdteilchen davon, talab, zum Meer.  Dasselbe Sediment, das in Jahrhunderttausenden ein früheres Meer gefüllt hatte, hartgepreßt wieder über den Meeresspiegel gestiegen war und das Bergland vor uns geformt hatte - abermals wurde es abgewaschen, aufgeschwemmt und würde wieder abgelagert werden, in ewigem Kreislauf. 

 

Vor mir stand Laurie, ein kleiner Mann mit eisgrauem Bart und kurzen Säbelbeinen.  Seine grauen Augen hatten solch Schauspiel oft beobachtet.  Er liebte diese Landschaft.  Immer wieder fuhr er in seinen selbstgebauten Kanus den Whanganui Fluß hinunter oder wanderte durch die abenteuerlich zergliederte Berglandschaft der Umgebung des Flusses.  Gerne nahm er Freunde auf seine Fahrten, so wie uns vor drei Jahren mit den Kanu und diesmal zufuß.  Laurie war ein tüchtiger Tischler und arbeitete als solcher in demselben Institut wie ich.  In jüngeren Jahren hatte er als Angestellter der Venture Trecks in- und ausländische Touristen auf Abenteuerfahrten in die aufgestülpte Landschaft des Whanganui geführt. 

 

"Die Berge hier lösen sich ja förmlich auf, Laurie," rief ich ihm zu, das Tosen des Baches übertönend. "Wenn man in geologischen Zeiträumen denkt, zerfließen sie!"  

Laurie nickte: "Ihr werdet bald die Schluchten sehen und die Verzweiflung der ersten Ansiedler verstehen, als sie hier ankamen.  Es waren einfache Soldaten, Heimkehrer des großen Krieges, des ersten Weltkriegs, in den Neuseeland auch verwickelt war.  Auf den Schreibtischen der Planer war das Land hier in Grundstücke aufgeteilt worden.  Die zukünftigen Farmer wählten sich ihr Land auf der Planskizze.  Die Regierung gab es ihnen umsonst und baute eine Straße hinein, doch das Urbarmachen war Aufgabe der Ansiedler.  Und so kamen sie hier an und sahen, dass ihr Land fast vertikal dastand und es oft kaum genug flachen Grund gab, um ein Haus zu bauen. 

 

 

 

 

Blühendes Gras auf toten Farmen 

 

Wir hatten unsere Wanderung bei Whakahoro begonnen.  Dies ist eine Örtlichkeit am Whanganui Fluß, die nur aus ein paar Farmhäusern und einem aufgelassenen Schulgebäude besteht, das jetzt Kampierenden als Unterschlupf dient.  Es gibt auch eine Brücke über einen Seitenfluß und eine Landestelle für Jetboote.  Von hier aus strecken sich einige Farmen weit in die Hügel hinein und der Karrenweg führt durch Weideland.  Mich begleitete meine Frau Klara und unsere Tochter Eleonora. Es waren auch noch ein Ehepaar und eine vierköpfige Familie mitgekommen. 

 

Deserted farmAllmählich wurde der Karrenweg, die ehemalige Straße, zu einem Fußpfad, einstiges Weideland war gespickt mit Farnbäumen, die Schluchten wurden enger, der Weg zerschmolz teilweise zu Schlamm und wir balancierten mit angehaltenem Atem an fast vertikalen Abhängen vorbei, deren unteres Ende wir nicht sehen konnten.  Laurie behauptete, daß er noch von keinem Todessturz in dieser Gegend gehört hätte.  "Aber zweimal sind mir Teilnehmer der Venturetrecktouren abgestürzt.  Beide blieben glücklicherweise an Büschen hängen und ich konnte sie wieder heraufholen; einfach war das allerdings nicht!"

 

Laurie lachte verlegen und setzte hinzu: "Ein Mädchen war nach hinten übergefallen und blieb an einem Strauch hängen, unter dem nichts ihren Fall mehr aufhalten hätte können.  Ich konnte sie an ihrem Rucksack heraufziehen.  Dann stieß ich sie sofort gegen die Felswand, damit sie nicht sehen könnte, wie tief der Abgrund war und redete ihr eine Zeit lang beruhigend zu - sie ging weiter." 

 

Schon lange haben die Ansiedler ihr Land verlassen.  Ihre harte Arbeit hat  zu nichts geführt.  Einsamkeit, eine überwältigende Natur mit Stürmen und Überschwemmungen, Muren, Bergstürzen, Erosion und wuchernder Vegetation, das Einstellen von Zubringerdiensten wie z.B. des Dampferverkehrs auf dem Whanganui, alles zusammen erdrosselte auch den stärksten Pioniergeist.  Jetzt kann man kaum glauben, daß es hier eine Straße gegeben hat, besonders dort, wo Vegetation und Erdreich sich von den steilen Sedimentgesteinwänden losgelöst haben.  Nackt recken diese sich in den Himmel und nur ein Fußbreit zusammengepackten, teilweise schlammigen Bodens trägt den Pfad über den Abgrund, in dem, gedämpft durch die überhängende Vegetation, Bäche talwärts toben. 

 

Chimney

Jahrzehnte sind vergangen, doch hat der Urwald die gerodeten Flachstellen noch nicht zurückerobert.  Dort kost der leichte Wind blühende hohe Gräser, wogende braune Ähren über einem grünen Teppich.  Hier und da steht ein gemauerter Kamin, Andenken an eine verfallene Heimstätte.  Auf einer solchen verlassenen Farm stellten wir unsere Zelte auf, bauten eine Feuerstelle und kochten unser Nachtmahl. 

 

 

Tausendjährige gotische Strebepfeiler 

 

Ein Chor von vielstimmigen jubelnden Vogelweisen sickerte in unsere Träume und kündigte die Morgendämmerung an.  Die Sommersonne stieg aber noch lange nicht über die steilen bewaldeten Hänge des engen Tales.  Wie kalt, feucht und finster mußte es für die Ansiedler im Winter gewesen sein!  Etwas verschlafen nährten wir das knisternde Feuer unter unseren Kochtöpfen, den "billies", in denen Haferflocken und Teewasser kochten.  Als der Osthimmel aufglühte - über einem hohen Wasserfall, der als Silbersträhne eine kahle Hügelkuppe schmückte - waren wir bereits beim Aufbrechen. 

 

Unsere Rucksäcke waren schwer mit all dem Essen für sechs Tage, mit Zelt, Kochgeschirr, Kleidung, Photoapparat, Taschenlampe, und all dem was man sonst noch braucht, und unsere kleine Gesellschaft verteilte sich über eine längere Entfernung, je nach Leistungsfähigkeit, nach „Kondition“. Eleonora und zwei Burschen waren an der Spitze.  Leider war mein rechter Knöchel nach einer schweren Verstauchung noch nicht ganz hergestellt und so geschah es, daß ich umkippte.  Ein stechender Schmerz schoß mir durch alle Glieder und ich stürzte.  Mein erster Gedanke war: "Jetzt ist's aus mit meiner Wanderung!“ Mühsam rappelte ich mich auf und fand mir einen Stock zur Stütze.  Mühsam begann ich auf dem holprigen Pfad zu humpeln und fühlte die Last meines schweren Rucksacks doppelt.  Dann aber legte sich der Schmerz und ich fand, daß ich weitergehen konnte. 

 

Als einer der Siedler vor mehr als sechzig Jahren würde ich viel mehr schleppen.  Ich hätte eine holprige Reise mittels Postkutsche über aufgerissene und teils morastige Wege hinter mir, hätte wahrscheinlich eine Nacht in einem primitiven Unterstand verbracht - auf der Farm, die zuletzt aus dem Urwald geschnitten worden war.  Dann wäre es auf Packpferden weiter gegangen.  Vielleicht gäbe es noch gar keinen Pfad bis zu dem mir zugeteilten Grundstück.  Vielleicht müßte ich mir erst einen Pfad hauen oder graben, steile, tiefe Bachbetten mittels gefällter Bäume überbrücken.  Alte Photographien zeigen, wie die Siedler sogar ihre Baumaterialien, wie z.B. Wellblech fürs Hausdach durch den Busch zerrten. 

 

Bridge remnantDas Roden des Urwaldes zur Schaffung von Weideland war ein traumatischer Eingriff in die Landschaft.  Zuerst hieben die Siedler das Unterholz weg.  Dann fällten sie alle größeren Bäume.  Die alten Urwaldriesen, die zu mächtig waren, als daß man ihnen mit den Werkzeugen der damaligen Zeit zu Leibe rücken hätte können, blieben zunächst stehen.  Dann warteten die Siedler auf geeignetes Wetter zum Abbrennen des vorbereiteten Landes.  Sie brauchten einen klaren Tag nach einer sommerlichen Trockenperiode und eine stete Brise, die in der gewünschten Richtung wehte.  Da entfesselte sich ein Flammenmeer, das auch die tausendjährigen Riesen tötete.  Die Maori dieser Gegend, die gewohnt gewesen waren, nur das aus dem Lande zu nehmen, was sie gerade verwerten konnten, mußten die Vergewaltigung ihrer Heimat wohl mit Trauer und Grimm verfolgen. 

 

Zum Glück für die Nachwelt gab es nicht genug Zeit, um alles zu zerstören.  Die oberen Teile der Täler und die steilen Höhenzüge sind noch im Urzustande erhalten.  Laurie führte uns ein Seitental hinauf, wo wir einen Stand gewaltiger KAHIKATEA (Podocarpus dacrydioides), sogenannter weißer Föhren, anschauen wollten.  Wir fanden diese Bäume in einem Hain von alten, dickstämmigen Baumfarnen, durch deren Schirmkronen sie wie gewaltige gotische Säulen stießen.  Obwohl die Kahikatea-stämme Durchmesser von über einem Meter hatten, wirkten sie schlank und grazil durch ihre Höhe, die wir auf etwa 50 Meter schätzten.  Die in Bodennähe längsgerippten Stämme verjüngen sich nach oben zu und sehen durch ihre graue Rinde und ihre ebenmäßige Profilierung gotischen Streben so ähnlich, daß sich die Architekten der mittelalterlichen Kathedralen von ihnen inspirieren hätten lassen können.  Das wäre auch ohne weiteres möglich gewesen, denn diese Bäume standen bereits hier, lange bevor sich in Europa die Gotik entfaltete. 

 

 

 

 

 

 

Die Wut des Taranaki 

 

Wir waren von Whakahoro das Tal des Kaiwhakauka-flusses hinaufgestiegen und mußten nun über den Mangapurua-berg, um durchs Tal des Mangapurua-flusses den Whanganui etwa 40 Kilometer flußabwärts wieder zu erreichen.  Eine kurze Kletterei brachte uns vom Pfad zum Gipfel des Mangapurua und bescherte uns einen großartigen Rundblick.  Um uns dehnten sich bewaldete Höhenrücken, dicht aneinander gedrängt, in allen Richtungen.  Wo war flaches Land?  An manchen Stellen sahen wir Spuren ehemaliger Weidewirtschaft und Linien, die uns alte, Höhenzügen folgende "Straßen" vermuten ließen.  Verborgen in den Falten des Landes gegen Westen wälzte sich der Whanganui Fluß, unser Ziel des folgenden Tages. 

 

RuapehuIm Osten sahen wir das vulkanische Massiv des Tongariro Nationalparkes, wo der klobige Ruapehu seine strahlend weiße Schneekrone trug und der Kegel des Ngauruhoe Vulkans seine höllische Pfeife schmauchte.  In trotziger Einsamkeit aber saß im Westen Egmont (Taranaki) und hüllte die Gletscherspitze seines fast perfekten Vulkankegels in Wolkenschleier.  Die Maori haben für die Trennung der Vulkane eine Erklärung. 

 

Taranaki stand in längst vergangenen Zeiten neben Ngauruhoe und Ruapehu, zusammen mit dem größten der vulkanischen Gesellen, dem Tongariro!  Leider hatten sie nur eine einzige vulkanische Maid bei sich, die schöne Pihanga, deren wohlgeformte Schultern knapp von tiefgrünem Busch wie von einem Federmantel umhüllt waren.  Alle liebten sie, doch sie begünstigte den würdigen, weißhaarigen Tongariro.  Da konnte sich Taranaki nicht beherrschen.  Im Titanenkampf der beiden Berge zitterte die Erde und sie spien ihren Zorn und ihre Leidenschaft tief heraus aus ihren Eingeweiden.  Beide Nebenbuhler verloren. 

 

 

Ermattet brach Tongariro in sich zusammen, so daß er jetzt nur mehr ein Schatten seines früheren stolzen Selbst ist und Taranki riß sich tief verletzt los von seiner früheren Heimat.  In ohnmächtiger Wut warf er sich in großem Bogen gegen die untergehende Sonne und von da nordwärts, wo er im äußersten Westzipfel der Nordinsel sein neues Lager aufschlug.  Seine Flucht hinterließ eine tiefe Wunde in der Erde, einen Riß, der bis zum Meer reichte.  Doch da entsprang dem Tongariro ein Strahl klaren Wassers, das die Wunde füllte und wunderbaren grünen Wald voll von Vogelgesang und Schönheit hervorzauberte.  Der Whanganui und seine reizvolle Uferlandschaft waren geboren.

 

 

 

Der lange Weg zum Waterfall Creek 

 

Im Scheine meiner Taschenlampe funkelte das Wasser auf, das sich rauschend um unsere Fersen und zwischen den dunklen Felswänden weiterzwängte.  Vor mir wateten Laurie, die beiden Burschen und Eleonora.  Wir waren in den Mangapurua hineingestiegen, der sich hier, noch als Bächlein, in Straßennähe durch eine mannshohe Höhle zwängte.  "Halt!" rief plötzlich Laurie.  Er war beinahe bis über die Hüften im Wasser versunken.  "Ich habe den Grund verloren!  So kommen wir nicht weiter!"  

 

Doch kehrten wir zurück, diesmal mit einem Baumstamm, den wir über die Untiefe legten.  Unsere Hände tasteten die feuchten Wände entlang als wir uns auf dem im Wasser liegenden Holz vorwärtsbalancierten.  Das Licht am Höhlenausgang zeigte uns, daß der Tunnel nicht länger als  20 bis 30 Meter war.  Munter sprang das Wasser wieder ins Sonnenlicht, über die Steinstufen einer verwachsenen Schlucht und wir klammerten uns an Wurzeln an, um auf den bemoosten nassen Felsvorsprüngen nicht abzugleiten.  Zehn Meter unterhalb der Straße waren wir wieder zu Tage gekommen.  Ich wunderte mich über die gleichmäßige Höhe und Breite des Schachtes und Laurie erklärte, daß die Straßenbauer ihn gegraben hätten, um die Straße darüber hinwegzuführen.  Es gäbe etliche solche Tunnel in dieser Gegend. 

WaterfallViel Zeit lassen durften wir uns aber nicht.  Wir waren am Morgen von einem Lagerplatz im Kaiwhakauka-tal aufgebrochen und wollten am Waterfall Creek, dem "Kaskadenbach", zwei Nächte verbringen. Das war noch ein weiter Weg.

 

Als wir zu einem breiten Bachbett kamen, wo das Wasser Gesteinsplatten herauspoliert hatte, ließen wir die Rucksäcke von den Schultern gleiten und warfen uns in ein hüfttiefes Wasserbecken.  Herrlich war diese rauschende belebende Kühle! Ich musterte das jenseitige Ufer.  Es war vielleicht drei Meter hoch, fast senkrecht und ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wie der Weg weitergehen sollte - bis ich fußgroße Löcher bemerkte, die in den weichen Sandstein eingeschlagen waren.  Wenn starke Regenfälle das Bett mit reißendem Wildwasser füllten, war allerdings eine Überquerung hier unmöglich! 

 

Schließlich leitete uns der Pfad in ein Seitental des Mangapurua.  Dort fällt der Waterfall Creek über eine zehn Meter hohe Steinstufe.  In der Wiese daneben bauten wir unser Nachtlager auf. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Brücke zum Nirgendwo 

 

Am nächsten Morgen tastete ich mich durch den regenfeuchten Wald, um dürre Flechten und tote Zweigspitzen von den Bäumen zu klauben.  Düstere Wolkendecken lagerten auf der Landschaft und ein Regenschauer folgte dem anderen.  Niemand hatte es besonders eilig, aus den warmen Schlafsäcken zu kriechen und Klara und ich hatten uns vorgenommen, das Frühstücksfeuer ins Leben zu rufen.  Noch lagerte Düsterheit in der graugrünen Verflechtung von Stämmen, Geäst und Gesträuch.  Wie alte Bärte hingen die Flechten von den Bäumen, Moose schillerten grün über sumpfigen Stellen, Farnbäume ließen Tränen von den Spitzen ihrer Fächer fallen.  Der Wald war stumm und sein Schweigen wurde durch seltene Vogelrufe nur unterstrichen.  Jungle river

 

Ich staunte, als ich die Asche des gestrigen Feuers zur Seite schob. Die untersten Schichten waren noch heiß - trotz des Regens - und als ich meinen Zunder darauf legte und eifrig blies, züngelten die ersten Flämmchen auf.  Das Prasseln des Feuers brachte Klara und mir sofortige Hilfe beim Frühstückkochen. 

 

Bevor der Wildbach über die Steinstufe des Waterfall Creek fällt, fließt er über eine überraschend gerade, glatte Steinplatte, die man überqueren muß.  So weit ist diese Fläche, daß das Wasser sie nur etwa knöcheltief bedeckt.  Jedenfalls fand ich das an jenem Morgen, als ich den Pfad voranlief, um den Wasserfall zu photographieren.  Jenseits lernte ich seine Größe schätzen. Das Wasser hat sich eine gewaltig tiefe Schlucht gegraben, in die mächtige Bäume übereinander hineingestürzt sind.  Hinter ihnen fällt ganz ebenmäßig die breite aber dünne Wasserwand lotrecht in den gurgelnden Schlund.  Mir zuliebe brach auch noch die Sonne zwischen den Wolken durch und verzauberte mit ihrem Licht die Szene, die wunderbar in eine romantische Oper passen würde. 

 

Wir brachen am vorgerückten Vormittag zur "Brücke zum Nirgendwo" auf.  Wir waren bereits im Unterlauf des Mangapurua, wo das Tal breit wird; doch hat sich der Fluß eine tiefe Schlucht gegegraben.  Wiesen mit Gruppen eingeführter Bäume und Sträucher kennzeichnen die ehemaligen Behausungen der Farmer.  Hier gibt es noch eine Reihe verwitterter oder umgefallener Zaunpfähle, dort einen schiefen Unterstand, da einen einsamen Kamin. 

 

Laurie zog uns ins dichte Laub eines niedrigwüchsigen Hains, wo wir uns gebeugt zum Rande einer versteckten kleinen Lichtung vorzwängten. Dort trauerten die Überreste eines Häuschens.  Etliche Gegenstände lagen und standen malerisch umher: ein Teil eines Motors, eine Pumpe, rostige Werkzeuge, alte Flaschen.  "Ein Buschmuseum", so nannte es Laurie. 

 

Es ist schon Jahrzehnte her, daß in diesem Häuschen eine Farmersfrau vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes wartete.  Er war in die nächste Ansiedlung, Raetihi, teils gegangen, teils gefahren.  Das war auch damals ein längeres Unternehmen, so daß er übernacht fortbleiben mußte.  Aus seinem Hotelzimmer sah ihn niemand mehr herausgehen.  Er hatte sich erhängt.  

 

Er war nicht der einzige, der in seiner Verzweiflung keinen Ausweg sah!  Andere wieder verließen fluchtartig ihren Besitz, wobei sie nur das Allernotwendigste mit sich nahmen.  Sie hatten genug vom Kampf mit der Natur, der Abgeschlossenheit und den Entbehrungen.  Ein paar Siedler blieben übrig, doch für sie zahlte sich die Erhaltung der Zufahrtswege nicht mehr aus.  Die Regierung mußte keine besonderen Druckmittel anwenden, um auch diese Leute zum Aufgeben ihrer harterworbenen Güter zu bewegen, denn die Straßen verfielen rasch.  Wir konnten uns selbst davon überzeugen, daß sogar die Erhaltung unseres Wanderpfades nicht einfach war. 

 

Bridge To NowhereFast unvermutet öffnete sich der Waldsteig und wir standen vor der Brücke.  Sie ist aus Beton, mit hohen Streben, breiter Fahrbahn und einem Geländer, durchbrochen von lotrecht-ovalen Zwischenräumen.  Herüben macht sie vor dem Busch halt, drüben gibt es noch Ansätze der einstigen Straße.  Klara, Eleonora und ich, wir kannten die Brücke schon.  Als wir vor drei Jahren mit Laurie in Kanus den Whanganui hinunterfuhren, kamen wir von der anderen Seite. Die Brücke ist nur eine gute halbe Stunde vom Fluß entfernt.  Ja, damals waren wir erstaunt und fast ehrfürchtig auf diesem Bauwerk gestanden und hatten die urwüchsige Landschaft lange betrachtet, besonders den Wald am Brückenende, wo der Pfad verschwand.  Da wollten wir gerne wissen, was es dahinter alles gäbe.  Nun hatten wir den Kreis geschlossen. 

 

Die Brücke ist etwa 50 Meter hoch.  Wie damals warfen wir auch heute Steine in die Tiefe, um deren langen Weg zu verfolgen.  Mit einem Knall zauberte jeder Stein Wellenmuster auf die Wasseroberfläche. Ein dicker Aal flüchtete erschreckt und die Wellen zerbrachen an den Uferwänden in einem Chaos von Formen. 

 

 

Es ist eine hohe Brücke, aber nicht höher als die gewaltigen in ihrer Nähe gepflanzten Föhren.  Föhren und Brücke, sie sind gleich alt und in gleicher Weise sind sie Mahnmale für ein menschliches Unternehmen, das vom Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

 

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© Joe Paul 2006