SEGELABENTEUER IM MITTELMEER

 

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Joe Paul

 

Gewidmet meiner mutigen Tochter

 

 

Prolog

 

Das Wort „Segeltörn“ verbindet man leicht mit Wind, Sonne, Spaß, Kameradschaft, Flirten, neuen Eindrücken und Abenteuern. All dies schwebte auch mir vor. Kaum denkt man an Schlechtwetter, Unfälle, Streitigkeiten, oder gar Kampf mit den Elementen. Das Mittelmeer kennen viele Besucher nur von Stränden mit blauem Himmel oder von malerischen Häfen, in denen die Wirren vergangener Zeiten interessante Spuren eingemeißelt haben. Aus der Sicht heutiger Flugreisender scheint das Mittelmeer klein und harmlos. Es hat aber seine Tücken, mit denen die antiken Seefahrer kämpfen mußten, nicht verloren. Schiffe zerbrechen, Menschen ertrinken, Unfallopfer hoffen auf schleunige Rettung durch Helikopterflüge. Auch mir, meiner Frau und Tochter wurde bewußt, wie knapp die Spanne zwischen Vergnügen und Tragik ist. Wenn ich heute an unsere Segelfahrt zurückdenke, dann schätze ich wohl die großartigen Eindrücke, weiche aber gerne den Erinnerungen an Situationen mit möglichem tragischen Ende aus.

 

 

 

Von Athen nach Korinth

 

Zwischen den hitzeflimmernden Propyläen krochen die Akropolisbesucher wie Ameisen hinauf und hinunter. Wir inmitten, meine Frau Klara, unsere Tochter Ulla und ich. Der heilige Felsen mit seinen gewaltigen Bauten ist auch heute noch eindrucksvoll. Wie muß er erst auf die einfachen Bauern, Handwerker und Sklaven der Antike gewirkt haben?!

 

Wir kauften Feigen und wuschen sie an einem Brunnen in den schütteren Hainen, die die Akropolis umsäumen. Dabei schöpften wir Wasser auf unsere Gesichter und spärlichen Kleidungsstücke. So heiß wie in Griechenland wird es in unserer Heimat Neuseeland nie. Unangenehm empfanden wir auch den Lärm und Gestank der Großstadt fast rund um die Uhr. Gerade in den zeitigen Morgenstunden war so viel Benzingestank in unser Hotelzimmer am verkehrsreichen Ommoniaplatz gedrungen, daß er uns sogar aufgeweckt hatte. Also waren wir trotz unserer Begeisterung, auf dem Boden jahrtausendealter Kultur zu wandeln, nicht unzufrieden mit dem unmittelbar bevorstehenden Segeltörn.

 

Wir beendeten unseren Rundgang mit einem Besuch am Flohmarkt, holten unser Gepäck vom Hotel ab und fuhren nach Piräus. Von der Endstation der U-bahn fährt der städtische Autobus nur ein kurzes Stück bis Zea, dem kleinen Hafen von Piräus, wo wir eine Jacht namens Adriana finden würden. Mit ihr sollten wir von Griechenland nach Kroatien segeln.

 

Zea zeigte sich größer als erwartet und wir waren daher froh, daß wir Zeit zum Suchen hatten. Klara ging den Kai entlang nach einer Seite, ich nach der anderen und Ulla blieb beim Gepäck. Wir fanden das Boot ganz draußen im äußeren Teil des Hafens, an der Mauer, die Zea vom offenen Meer schützt.

 

Da wir nicht früher aufgetaucht waren, hatte unser Skipper Hermann begonnen, eine Reparatur am Bootsmotor vorzunehmen. Zwei Mitsegler, Werner und Robert, versuchten ihm zu helfen. Karl, ein weiterer Segelkamerad unserer siebenköpfigen Mannschaft, kam mit Klara und mir, um unser Gepäck zu holen. Bevor wir dieses an Bord brachten, trieb uns allerdings starker Durst in ein schattiges Kaffeehaus. Später konnten wir uns sogar im Hauptgebäude der Marina duschen und auf der Kaimauer Weintrauben als verspätetes Mittagessen verzehren.

 

Die Adriana verließ Zea nicht viel vor sechs Uhr abends. Wir stellten den Motor ab und setzten die Segel. Zu unserer Freude nützte Hermann jeden Wind und verwendete den Motor nur, wenn er ihn unbedingt brauchte. Da segelte er lieber manchmal die Nacht durch, um seinen Zeitplan einzuhalten.

 

Wenn man auf einem Törn mitsegelt, kennt man oft den Rest der Mannschaft nicht. Meistens sind es junge Leute, die nicht nur Urlaub machen, sondern sich auch körperlich betätigen wollen. Wenn man Glück hat, verträgt man sich und hat miteinander Spaß. Das war in unserer Gruppe der Fall.

 

Ich hatte vor, alle Tätigkeiten an Bord kennenzulernen. Zwar segle ich selbst gelegentlich, doch ist jedes Boot anders und Übung brauchte ich.  Ich merkte bald, daß ich mich beeilen mußte, wenn ich etwas tun wollte, weil fast jeder, besonders aber Werner, eifrig auf die Anweisungen von Hermann reagierte. Karl war kein Konkurrent. Er liebte es, die Kommandos des Skippers weiterzuleiten. Da stand er gerne mitschiffs und versicherte sich, daß keine Anweisung überhört wurde. Wenn Hermann rief:

"Anker lichten!"

kam ein Echo von Karl:

"Anker lichten!"

Wenn Hermann rief:

"Segel bergen!"

kam die Verstärkung von Karl:

"Segel bergen!"

Karl kam auch gerne mit Ratschlägen und Warnungen zu Hilfe:

"Pass auf, du fällst zu stark vom Wind ab!" oder:

"Ich würde an deiner Stelle nicht so hart am Wind segeln!"

 

Hermann kannte sein Boot in- und auswendig und auch die Gegend, durch die wir segelten, ziemlich gut. Er ging nicht gerne aus sich heraus, außer wenn er ein bißchen getrunken hatte, und erteilte Anweisungen und Rügen wie ein wohlwollender Feldwebel. Obwohl er bereits ein paar Monate unterwegs war, war er des Bordlebens noch nicht überdrüssig und trug die Verantwortung des Skippers mit Gelassenheit. Ich weiß, was es heißt, für ein Boot verantwortlich zu sein, und war ihm für seine Rolle dankbar.

 

Als die Nacht hereinbrach und der Mond sich über die Berge der Halbinsel Attika erhob, war der Wind bereits zu einer leichten Brise ermüdet. Wir zogen an der lichterfunkelnden Küste vorbei. Die Lampen einer großen Raffinerie funkelten wie ein Gehänge von Weihnachtsdekorationen.

 

Die Einfahrt des Kanals von Korinth kristallisierte sich aus dem Dunkel um etwa ein Uhr nachts heraus. Da war der Kanal für unsere Seite gerade gesperrt. Wir mußten anlegen, nicht nur um zu warten, sondern auch um die Durchfahrt zu bezahlen.

 

Hermann wollte sein gewohntes Anlegemanöver durchführen. Da tauchten zwei gestikulierende Männer aus dem Dunkel hinter der Mole auf. Sie wollten uns offenbar helfen und winkten uns zu, ihnen ein Anlegetau zuzuwerfen.  Irgendjemand tat dies und sie vertäuten den Bug des Bootes, das noch etliche Meter von der Mole entfernt war. Hermann hatte das Vertäuen nicht bemerkt und wunderte sich, warum sein Manöver nicht glückte. Umso mehr schimpfte er, als er herausfand, daß jemand ohne seine Anweisung gehandelt hatte. Allerdings gab es keine anderen Boote hier, mit denen wir in Konflikt gekommen wären. Mich wunderte das, weil doch der Kanal von Korinth eine wichtige Wasserstraße ist!

 

Hermann mußte zweimal auf den Kontrollturm hinauf, bis alle Formulare ausgefüllt und die Durchfahrtsgebühr bezahlt war. Dann mußten wir noch eine ganze Weile warten, bis die Lichter der Einfahrt auf "freie Fahrt" geschaltet wurden. Wir legten wieder ab. Da quoll aus der Finsternis der Kanalöffnung eine schwarze große Masse heraus. Vom Ufer wurde uns in gebrochenem Englisch mehrmals zugebrüllt: „You go outside!“ Die schwarze Masse entpuppte sich als großes Frachtschiff. Hermann konnte gerade noch ausweichen. Hatte der Kanalwärter zu früh auf „frei“ gestellt? War das wichtigste Kommunikationsmittel hier immer noch die menschliche Stimme?

 

Schließlich war der Weg wirklich frei und wir fuhren in den Kanal ein, der unscheinbar begann; niedere Ufer begleiteten uns. Dann stiegen aber die Wände ganz steil wie mit dem Messer abgeschnitten auf und wir sahen, wie hoch das schmale Rückgrat dieser Halbinsel ist. Dieser Durchstich durch mehr als drei Kilometer Festland muß im vorigen Jahrhundert eine gewaltige technische Leistung gewesen sein.

 

Bald nach der Durchfahrt durch den Kanal erreichten wir den Hafen von Korinth und legten an einer Stelle an, die verlassen schien. Bei Tageslicht sahen wir warum. Von einem naheliegenden Frachtschiff wurden Steine und Sand abgeladen. Es staubte sehr und die gesamte Umgebung war mit einer dicken Staubschichte bedeckt. Also wollten wir so schnell wie möglich ablegen.

 

Wir fuhren zuerst mit dem Motor, um das Kaffeekochen und Frühstückessen zu erleichtern. Am Morgen aßen wir meistens gute griechische Joghurt mit Honig, dazu Butterbrote, bestrichen mit Marmelade und Honig, oder mit Wurst und Käse belegt. Frisch gemahlener Kaffee von Werner aus "Wien eingeflogen" wurde aufgegossen.

 

 

 

Im Golf von Patras

 

In einer leichten Brise ließen wir unseren Spinnaker aufsteigen und glitten im Sonnenschein in den Golf von Patras hinaus. Langsam verschoben sich die dunstigen Uferberge. In unsere Ruhe rief plötzlich Karl hinein:

„Um Gottes willen, was ist denn das?!“

Gespannt wendeten wir unsere Köpfe und sahen - - ein Schiff in mittlerer Entfernung. Nun war es uns wohl aufgefallen, daß es im Golf wenig Schiffsverkehr gab, aber nach Karls Ausruf hätten wir mindestens einen Hai oder Wal in Bootnähe erwartet. Da Karl noch öfters seinem Erstaunen auf diese Art Ausdruck verlieh, dauerte es nicht lange, bis sein Ausruf zu einen geflügelten Wort wurde.

 

Die nächste Gelegenheit für dieses geflügelte Wort ergab sich, als Klara eine Front dunkler Rippeln auf dem Wasser am Horizont bemerkte: eine Bö kündigte jähen Windwechsel an. Schnell verschwand der Spinnaker durch die Luke des Vorderdecks und bald kreuzten wir in die Wellen hinein, die ein dreißigknotiger Wind aufrollte. Unser Ziel war Galaxidi am Nordufer des Golfes.

 

Am Weg dorthin fanden wir eine Bucht mit steilen felsigen Hügeln als Hintergrund. Ein grober Sandstrand versank im klaren blaugrünen Wasser.  Kein anderes Boot lag hier, niemand war am Ufer. Wir ankerten, sprangen ins Wasser, schwammen und tauchten. Hermann zog sich Taucherbrille, Schnorchel und Flossen an, seine Badehose aber aus. Damit setzte er ein Beispiel, dem wir öfters folgten.

 

Galaxidi ist ein hübscher kleiner Ort mit langer bewegter Vergangenheit. Er begann seine Geschichte bereits 200 Jahre vor dem Trojanischen Krieg als Oianthi, 130m über dem Meer. Heute nimmt er zwei Buchten und den sie verbindenden Landrücken in Anspruch. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert baute man hier ozeantüchtige Handelsschiffe, die neue Ideen und exotische Waren heimbrachten. Die Stadt wurde ein flotter, moderner Anziehungspunkt mit 20.000 stolzen Einwohnern. Sie verlegten sich nebenbei auf den Bau von Kriegsschiffen, für den griechischen Kampf um die Freiheit vom osmanischen Joch. Kein Wunder, daß die Türken die Stadt niederbrannten – und das nicht einmal. Kein Wunder auch, daß sich Griechen und Türken heute noch mit Argwohn begegnen.

 

Nicht türkisches Wüten, sondern Arroganz führte zum Niedergang der Stadt. Die Ankunft der Dampfschifffahrt wurde als vergängliche Modeerscheinung betrachtet. Das benachbarte Itea sah die großartige Gelegenheit und zog den Dampfschiffbau an sich. Galaxidi schrumpfte zur Bedeutungslosigkeit. Es hat jedoch seinen historischen Charakter bewahrt und ist eines der griechischen Nationaldenkmäler geworden. Von den Anhöhen grüßten uns die noch erhaltenen Villen der Schiffskapitäne, als wir in den sich nach innen verjüngenden Hafen der Ostseite des Örtchens einliefen.

 

Dem Ortskern gegenüber bedeckte ein Kieferwald ein Vorgebirge. Dorthin wanderten am Abend Klara und ich, stiegen zwischen den Bäumen bis zur Anhöhe hinauf, entdeckten ein kleines altes Kloster und kehrten auf einer Straße zurück. In Waldesnähe fanden wir ein nettes Restaurant zum Nachtmahlessen. Wir hatten leider nicht genug Zeit, um die Stadt genau zu besichtigen, da wir morgens zu lange schliefen und gerade nur unsere Eß- und Trinkvorräte vervollständigen konnten.

 

Am nächsten Abend, bereits nach Einbruch der Dunkelheit, suchten wir die Einfahrt in den reizenden kleinen Hafen von Navpaktos, den eine hohe Mauer umgibt. Unweit der Einfahrt führt eine Treppe bereits ins Ortszentrum. Aus einer Taverne dröhnte Diskomusik. Trotzdem legten wir in der Nähe der Treppe an, weil dort Platz war.

 

Die Treppe endete an einem großen Platz, wo die umliegenden Eßlokale Tische und Bänke aufgestellt hatten. Zwischen den schwarzen Schatten von Bäumen verbreiteten Lampen schwachen Schein. Vom Himmel funkelten Sterne. Wir waren bereits hungrig und bestellten etliche Gerichte und Getränke, die wir gemeinsam verkosteten. So machten wir es in der Regel. Da gab es griechischen Salat aus verschiedenen grünen Gemüsen, Oliven und Schafskäse, Tsatsiki, ein Gericht mit Gurken und Sauerrahm, Mousaka, gebacken aus Kartoffelschnitten und Eierfrucht. Oft bestellten wir Souflaki, Fleisch gebraten am Spieß, oder Lammschnitzel. Dazu tranken wir Retsinawein, mit Mineralwasser gemischt.

 

Nach dem Essen suchten Ulla und ich Duschen in der Nähe des Hafens. Dabei sahen wir, wie harmonisch der winzige Fischerhafen sich in die ehemalige Befestigungsanlage eingefügt hatte. Im Licht eines Scheinwerfers stand ein Denkmal auf einer turmartigen Ausweitung der Festungsmauer und eine Kanone drohte auf das dunkle Meer hinaus. Sie erinnerte an die Zeit als Navpaktos noch Lepanto hieß und sich gegen das Osmanenreich wehrte.

 

Durch ein Tor der Festungsmauer kamen Ulla und ich zum Strand außerhalb des Hafens. Hinter dem Strand lagen Restaurants und Hotels. Duschen fanden wir in unmittelbarer Nähe von Tischen, an denen Leute aßen. Denen wollten wir keine unverlangte Vorstellung geben und beschlossen, das Duschen auf den kommenden Morgen zu verlegen.

 

Am nächsten Tag taten wir das auch, nach kurzem Schwimmen im Meer. In der Hitze des Vormittags liefen Klara, Werner und ich durch enge Gäßchen auf den Berghang, den Navpaktos hinaufklettert. Schließlich führten uns von Mauern umsäumte Steintreppen zu einem Uhrturm, von wo wir Stadt, Hafen und die geschwungene Strandlinie überblickten.

 

Vor meinem geistigen Auge sah ich die gewaltige Flotte der Osmanen, die sich 1571 vor Lepanto zur Schlacht gegen die Heilige Liga, die vereinigte christliche Flotte Spaniens, Venedigs und des Kirchenstaates, vorbereitete. Die bisher unbesiegten Türken besaßen fast 300 Schiffe und erwarteten einen weiteren glorreichen Sieg. Die Heilige Liga formierte sich bei der kleinen Insel Oxia. Sie hatte nur 211 Schiffe. Doch konnten die neuartigen Galeassen der Venezianer mit ihren Kanonen größere Kaliber feuern und waren wegen ihrer hohen Bordwand schwer zu kapern.

 

Gleich zu Beginn der Schlacht gelang es dem Oberbefehlshaber der christlichen Flotte, Don Juan de Austria, das Kommandoschiff seines osmanischen Gegenspielers, Admiral Ali Pascha, zu erobern und ihn zu töten. Inzwischen hatte der Vizebefehlshaber der osmanischen Flotte, Uludsch Ali, die ihm gegenüberstehenden Verbände der Liga in Defensive gedrängt und war dabei, sie zu zerstören. Juan de Austria konnte dennoch durch Ballung aller Frontabschnitte die Osmanen überwältigen. Uludsch Ali versenkte einen Teil seiner Flotte; dennoch fielen etwa 150 seiner Galeeren in die Hände der Sieger. Die 12.000 christlichen Rudersklaven wurden befreit. Zehntausende Osmanen fanden den Tod. Damit war der Nimbus der Unbesiegbarkeit der osmanischen Mittelmeerflotte gebrochen. Uludsch Ali entkam.

 

Der Sieg der Heiligen Liga war nur psychologisch bedeutend, da zum Zurückdrängen der Osmanen ein ausreichendes Landheer fehlte. Die osmanische Flotte hatte binnen eines Jahres ihre Verluste ausgeglichen und der Großwesir Sokollu Mehmed Pascha spottete beim Empfang des venezianischen Botschafters in Konstantinopel:

„Indem wir Euch Zypern entrissen haben, haben wir Euch einen Arm abgetrennt. Indem Ihr unsere Flotte besiegt habt, habt Ihr uns nur den Bart abrasiert. Der Arm wächst nicht wieder nach, aber der Bart wird dichter.“

 

Noch heute hält die Türkei einen Teil des „Armes“ fest. Wird es im Rahmen der Europäischen Union gelingen, die Teile des Armes wieder zusammenwachsen zu lassen?

 

Während unserer Geschäftigkeit beim Auslaufen aus dem Hafen verweilte Karl in der Cockpit und verspeiste Joghurt.

Hermann riß die Geduld:

„Karl, die Fender kommen nicht von selbst an Bord!“

Seelenruhig kam die Antwort:

„Die Joghurt kommt auch nicht von selbst in meine Gurgel!“

 

Wir richteten unseren Kurs auf die Lagunenstadt Mesolongion.

 

Der Hafen von Mesolongion liegt am Ende einer seichten Lagune, die durch einen langen Hals mit dem Meer verbunden ist. Er bleibt nur durch stetiges Ausbaggern der Zufahrtsrinne offen. Auf den Landzungen, die beidseitig den Hals begleiten, haben sich die Städter Wochenendhäuser oder Strandhütten gebaut.

 

Wir steuerten auf eine freie Stelle am Kai zu, wo Fischer saßen, die uns so grimmig musterten, daß mir persönlich der Mut zum Anlegen geschwunden wäre. Hermann nahm von ihnen jedoch keine Notiz und schob die Adriana so vorsichtig zwischen ihnen und einem benachbarten Boot hinein, daß sie nicht einmal ihre Beine einziehen mußten.

 

Die Dunkelheit brach schon herein, als wir uns dazu bereiteten, in die Stadt zu marschieren. Sie liegt so weit landeinwärts, daß wir Schwierigkeiten hatten, sie zu finden. Dort wo wir sie vermuteten, war es stockdunkel. Nachdem wir eine ganze Weile gegangen waren, ohne jegliche Lichter zu sehen, vermuteten wir, daß ein Stromausfall die Stadt in Finsternis gestürzt hatte. Wahllos bogen wir dann in eine der dunklen Straßen ein, wo die Häuser noch vereinzelt standen, und wären tatsächlich auf den Hauptplatz gestoßen, wenn wir nur irgend etwas hätten sehen können. Wir begegneten dunklen Gruppen von Menschen, konnten aber etwaige Gaststätten nicht identifizieren, weil nur sporadisch Kerzen brannten.

 

Als wir an einer Stelle fast an Tische anrannten, entschlossen wir uns dort zu bleiben. Wir konnten auch tatsächlich Tsatsiki, Salat und Bier bestellen. Die Souflaki kamen kalt an, was uns nicht wunderte, weil der Stromausfall schon einige Zeit gedauert hatte. Wir bekamen eine Kerze auf den Tisch und konnten in ihrem flackernden Licht mit Mühe das Essen mustern, nicht aber unsere Umgebung. Die Stimmung war allerdings eher romantisch. Das plötzliche Aufleuchten der Straßen- und Hausbeleuchtung wurde von der Allgemeinheit mit Bravorufen begrüßt. Wir bemerkten, daß wir in einer engen Seitenstraße saßen, die unsere Tische fast blockierten, und daß das gegenüberliegende Haus nur eine traurige unbewohnte Hülle war, mit eingestürztem Dach und leeren Fensterhöhlen.

 

Nach dem Essen setzten wir unseren Spaziergang fort und kamen zum Marktplatz, wo ein starker Mann seine Künste vorführte. Er ließ schwere Eisenstäbe auf seinen halbglatzigen Schädel fallen, zerschlug ein Brett mit seinem Kopf und ließ sich mit Ketten und Stricken fesseln, um sich später ohne fremde Hilfe zu befreien.

 

Auf dem Rückweg zum Boot kehrten wir in der Hafentaverne ein, um vorbeugend den Nachtdurst zu behandeln. Es wurde wieder eine warme Nacht. Wegen der Schwüle in der Kajüte richtete ich mein Bett am Deck her. Hermann spannte sich in der Nähe seine Hängematte auf.

 

Zunächst hätte ich nackt daliegen können; die Nachtbrise strich angenehm kühlend über meine Haut. Erst später deckte ich mich mit einem Leintuch, in der Morgenkühle mit einer leichten Decke zu. Aber lange konnte ich gar nicht schlafen. Als die Hähne krähten und die nahe orthodoxe Kirche ihre Glocken viermal schlagen ließ, näherte sich ein Husten und Spucken, das ich schon aus der Ferne gehört hatte. Diese oralen Geräusche machten in unmittelbarer Nähe meines Lagers halt und entstammten einem Fischer, der sich genau dort hinsetzte, wo die Fischer am Vortag gesessen hatten.

 

Bald darauf dröhnte ein Motor heran, ein Auto hielt und ein zweiter Fischer gesellte sich zum ersten. Nun war es nicht nur das Husten und Spucken, sondern auch die laute Unterhaltung der Männer, die mich vom Schlafen abhielt. Ich packte daher alle meine Klamotten und verschwand durch die Luke zu meinem gewohnten Schlafplatz unter dem Vorderdeck.

 

Wir schliefen wieder lange, zu lange, weil es schon heiß war, als wir an Land gingen. Ulla und Klara standen zuallerst auf. Sie suchten Duschen an der Hafenostseite, weil es dort einen kleinen Strand gab. Duschen fanden sie keine, doch entdeckten sie Wasserleitungen auf dem mit struppigem Gras bewachsenen Platz hinter der Pier. Dort konnten wir uns unter dem Strahl von gutem lauem Wasser ausreichend waschen.

 

Später erforschte ich selbst den Strand und seine Umgebung. An einem Ende stand ein verfallendes rotziegeliges Haus, einige Boote lagen am Ufer, der seichte Meeresboden war teilweise mit Seegras bewachsen. Am Ufer stand eine Gruppe durstiger Bäume, dazwischen ein bescheidener verlassener Imbißstand. Hinter dem Hain schämte sich ein kleines Hotel seines unförmigen, schmucklosen Aussehens. Wen mag es schon hierher verschlagen? Eine Frau, die am Ufer gesessen war, schlenderte ins Wasser und begann gemächlich zwischen dem Seegras unherzuschwimmen.

 

Klara bemerkte am Pier eine große, etwa acht Zentimeter lange tote Kakerlake. Diese erinnerte uns an die Warnung, eine feste Verbindung zwischen Boot und Land zu vermeiden, um solches Ungeziefer nicht an Bord zu bekommen.

 

Mesolongion hat auf uns einen verschlafenen, verwahrlosten Eindruck gemacht. Doch muß diese Stadt einmal Bedeutung gehabt haben - ihrer Größe und den breiten Straßen, die zum Hafen führen, nach zu schließen. Nun ist es sicher wieder aufwärts gegangen. Wir haben damals schon Zeichen für den Aufschwung bemerkt.

 

Nach dem Auffüllen unseres Wassertanks legten wir ab. Es war schon Mittag und die Meeresoberfläche lag still und ölig da, so daß wir mit dem Motor aus dem Golf von Patras hinausfahren mußten. Ein frischer Wind brachte uns später bis in die Nähe von Ithaki, der Heimatinsel von Odysseus.

 

 

 

In der Heimat des Odysseus

 

Einer der halbmondförmigen Sandstrände der Bucht Pera Pigadi war ohne Besucher. Vor dem benachbarten größeren Strand ankerte bereits ein anderes Segelboot. Wir waren aber nicht nur daran interessiert, ungestört zu sein.  Wir vermuteten, daß gerade hinter diesem Strand ein Pfad zu einer Quelle und dann weiter auf den plateauförmigen Rücken der Insel führen sollte.  Die Sonne stand schon niedrig, doch lockte Ulla, Werner und mich der Aufstieg, die Entdeckung der Landschaft und die Aussicht.

 

Wir banden das erste Mal auf dieser Fahrt unser Gummiboot los. Dieses war am Deck aufrecht an den Wanten vertäut. Zu ihm gehörte ein kleiner Außenbordmotor und zwei Ruder, denen die aufsteckbaren Verlängerungen fehlten und die deswegen sonderbar kurz wirkten. Alle lachten, als Werner und ich mit diesen Spielzeugen das Boot ans Ufer ruderten. Unsere Photoapparate lagen in Plastiksäcken verpackt am Boden des Bootes. Ulla schwamm ans Land. Werner und ich trugen schnell das Boot den Strand hinauf und stürzten uns zum ersehnten Abkühlen auch ins Wasser.

 

Dann suchten wir nach dem Pfad, der in einer Bergrinne verlaufen sollte. Ulla hielt nicht viel vom Suchen. Wir sahen sie bald weit entfernt geradewegs den Bergabhang hinaufeilen. Der Hang war steil und offenbar unlängst abgebrannt. Überall stachen die Äste der verbrannten Büsche schwarz in die Luft. Das poröse Gestein des kargen Bodens zerkrümelte oder rutschte unter unseren Füßen.

 

„Na, die Ulla zischt da ganz schön hinauf!“ stöhnte Werner. Es zeigte sich, daß das Plateau höher lag, als wir angenommen hatten. Wir waren nur mit Badeanzügen und Sportschuhen bekleidet, also nicht bestens für solches Klettern ausgerüstet.

 

Der Berghang endete in einer zerklüfteten Wand, mit der das Plateau fast senkrecht abstürzte. Ich versuchte vergeblich, Ulla einzuholen, um sie vor dem trügerischen Klettern in solchem Gelände zu warnen. Sie hatte aber einen Spalt in der Wand entdeckt. Dieser führte schräg hinauf, so daß wir ihn unschwer durchsteigen konnten.

 

Wir fanden später heraus, daß der höchste Punkt, den wir erstiegen hatten, 285 m über den Meeresspiegel lag. Der Gipfel war noch weitere 300 m höher! Das Gehen auf dem oberen Teil des Berghanges und auf dem Plateau schmerzte, weil uns die niederwüchsigen Stauden zerkratzten und ihre Stacheln durch unser leichtes Schuhwerk drangen. Unweit von der Stelle, wo wir über die Plateaukante geklettert waren, meckerten Ziegen. Wir hörten auch Stimmen in der Nähe eines niedrigen Bauwerkes, das wohl ein Unterschlupf für die Ziegenhirten war.

 

Ich ließ meine Gedanken durch Jahrhunderte zurückwandern, zur Zeit als Odysseus über dem Inselreich Ithaka herrschte. Ich überlegte, was so ein vegetationsarmer Brocken im Meer bedeuten konnte. Was wurde hier angebaut? Gab es noch andere Tiere als Ziegen? Lebten die Menschen unten in den Buchten? Wie verdienten sie ihren Lebensunterhalt? Die „Odyssee“ erzählt von einem Palast, in dem Odyseus’ Frau Penelope von Werbern umschwirrt wurde; das klingt nach Reichtum. Es ist möglich, daß Odysseus tatsächlich einer der wichtigsten Befehlshaber im Trojanischen Krieg war, vielleicht sogar der listige Erfinder des Trojanischen Pferdes, das den Griechen ermöglichte, Troja zu erobern. Homers Erzählung nach, dauerte Odysseus’ Heimkehr von Troja nach Ithaka zehn Jahre, innerhalb derer er die erstaunlichsten Abenteuer erlebte. Er überstand alle Schwierigkeiten und konnte nach seiner Heimkehr seine lästigen Nebenbuhler massakrieren. Dank sei der Göttin Athena, die ihm beim endgültigen Kampf beistand.

 

Ich rief mich zur Wirklichkeit zurück und genoß den schönen Ausblick von der Plateaukante. Die Farben des grauweißen Gesteins und der goldgelben Disteln und Gräser standen in anmutigem Gegensatz zueinander. Die Adriana lag winzig zu unseren Füßen, in diesem Winkel des stillen Meeres, in dem sich die abfallenden Rücken unserer Insel badeten und in dem entferntere umdunstete Inseln hockten. Der Abend legte auf das Wasser kupfernen Schein und langsam flossen die Schatten der Insel weiter hinaus auf die See. Wir machten uns eilig auf den Rückweg.

 

„Habt ihr die Quelle gefunden?“ fragte Karl, als wir an Bord kletterten.

„Nein,“ scherzte ich, „aber die Hirten auf dem Berg haben uns Joghurt trinken lassen!“ Dann stürzten wir uns auf das Bier in der Kühltruhe.

 

Während unserer Abwesenheit hatten Hermann und Robert drei kleine Fischlein gefangen und schmorten sie in einer Pfanne. Tsatsiki war im Entstehen und auch Spagetti und Sugo. Wir stellten unseren Klapptisch im Cockpit auf und deckten ihn. Die Dunkelheit erhellten wir mit einer Kerze.

 

„Wir müssen noch unser „Bum-bum“ nachholen,“ rief Werner fröhlich. Nach jedem Anlegemanöver feierten wir. Wir mischten Tequila mit Sprite in einem Glas, überdeckten es mit der flachen Hand und auf Kommando stießen wir das Glas auf den Tisch auf. Die Limonade durchschäumte den Tequila, der angenehm durch unsere Kehlen floß. Zum Stillen von Durst war aber Retsina mit Mineralwasser besser geeignet.

 

Der nächste Tag wurde wieder heiß. Wir blieben bis nachmittags in der Bucht, schwammen, tauchten und lagen in der Sonne. Das Wasser war warm und glasklar, doch an den Stränden lag viel angeschwemmter oder zurückgelassener Schmutz. Ich konnte die Beliebtheit der Strände an der Menge zurückgelassenen Unrats abschätzen. Unter Wasser galt dasselbe wie oberhalb. Da ich schnorchelte, fiel mir das unangenehm auf. Viele Menschen haben wahrscheinlich das Gefühl, daß ihr Abfall so gut wie nicht existiert, wenn sie ihn selbst nicht mehr sehen oder riechen.

 

Schnorchelnd lernte ich die Unterwasserwelt in der Nähe unseres Bootes kennen. Dabei gelangte ich zur Flanke des Hanges, den wir am Vortag erklommen hatten und fühlte plötzlich eiskaltes Wasser um mich fluten.

„Ich habe die Quelle entdeckt,“ rief ich aufgeregt meinen Bootsgefährten zu;  „im Sommer mag es kein Oberflächenwasser geben, besonders in dieser verkarsteten Landschaft, aber die Quelle existiert dennoch unter Wasser. Genau dort, wo die Bergrinne ins Meer fällt, ist das Wasser frisch, kühl und kaum salzig!“

 

Werner wollte die Gelegenheit nützen und den Außenbordmotor am Gummiboot ausprobieren. Das war nicht einfach, weil der Handgriff am Gashebel fehlte. Hermann zeigte ihm alle nötigen Tricks und bald hörte ich das sich entfernende Motorengeräusch. Ich mußte schmunzeln: Werner bediente das Steuer und vorne im Boot rauchte Karl eine Zigarette. So war es immer. Werner war an allem interessiert, half überall mit und lernte alles kennen. Karl ließ alle anderen für sich arbeiten. Ich bewunderte nur seine harte Haut. Wir ließen unseren Unmut in sarkastischen Bemerkungen oder Hänseleien aus. Er lachte dazu, ohne sein Verhalten zu ändern.

 

Wir mußten leider früh am Nachmittag absegeln, um zum Einkaufen in Vathi, der wichtigsten Ansiedlung von Ithaki, zurechtzukommen. Es war Samstag und wir wollten die Sonntagnacht durchfahren, um Zeit zu gewinnen. Ein langer Holebug nach Nordosten brachte uns an Ithaki so weit vorbei, daß wir uns mit dem folgenden Streckbug nicht nur in die Bucht, an deren Ende Vathi liegt, hineinblasen lassen konnten, sondern auch ihrem hornförmigen Verlauf durch Abfallen vom Wind folgen konnten.

 

Die Bucht verjüngt sich trichterförmig und ist nach Nordnordosten offen.  Damit drängen sich dort Nordwinde zusammen. So war es auch bei unserem Einlaufen in den Hafen. Plötzlich schnalzte mit Getöse das Babystak aufs vordere Deck, wo Klara und ich gerade gesessen hatten. Wahrscheinlich war die Verankerung abgenützt und gelockert gewesen, so daß ein starker Windstoß sie herausreißen konnte. Wir schauten ungläubig auf das mehrere Kilogramm schwere Metall, das aus Masthöhe eine Schädeldecke zerschmettern könnte. Dann lief es uns kalt über den Rücken.

 

Vathi kauert harmonisch am halbkreisförmigen Ende der Bucht. Der Schreck lag uns noch in den Gliedern, als wir anlegten, einkauften und Getränke und Eiskreme in einem der Straßencafes bestellten. Dann wanderten wir zu den höhergelegenen Teilen der Stadt hinauf. Gäßlein, Plätzchen und Gärtlein sind mit Steinmauern abgestützt. Ein Haus steigt über das andere die Bergflanke hinauf. Fahrstraßen gibt es wenige; die meisten Verkehrswege sind Treppengassen, die malerische Ausblicke eröffnen. Die Einwohner bepflanzen jeden Winkel hübsch mit Blumen und Sträuchern, legen den spärlichen Raum mit Steinen aus und geben den umgebenden Mäuerchen weiße Ränder. Die Kirche sitzt, wie so oft hierzulande, an einer den Ausblick beherrschenden Stelle.

 

Wir gingen wieder gemeinsam Nachtmahl essen. Dann tanzten wir bis spät in der Nacht in einer Diskothek. Als mir die Riemen meiner Sandalen Blasen machten, tanzte ich bloßfüßig weiter. Es ging zwanglos zu. Ich hatte nur eine kurze Hose und ein ärmelloses Leibchen an. Ob die Mädchen, die vor, neben, oder hinter mir tanzten, Griechinnen oder Touristinnen waren, weiß ich nicht. Die Musik war so laut, daß niemand sprach.

 

Am nächsten Tag zogen wir Hermann samt Werkzeugen am „Seemannsstuhl“ den Mast empor, damit er das Babystak wieder anmontieren konnte. Bald nach getaner Arbeit legten wir ab und fuhren zunächst mit dem Motor, dann bei gutem Wind unter Segel weiter durch die malerische Inselwelt.

 

 

 

Durch die Ionischen Inseln

 

Ithaki war die erste der Ionischen Inseln, die wir besucht hatten. Diese Inseln hatten viele Herren. Korinther kolonisierten sie ab dem achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Dann kamen Römer, Gothen, Byzanthiner, Normannen, Venezianer, Türken, Franzosen und Briten. Die letzten gaben die Inseln 1864 an Griechenland zurück. Die vielen Kämpfe, sowie arge Erdbeben, haben nur wenige Baudenkmäler übriggelassen, doch sind die Inseln landschaftlich sehr reizvoll. Da helfen sicher die reichlichen Winterregen, die die Inseln bis in den Sommer grün erhalten. 

 

An Abend erreichten wir Lefkas. Als wir anlegten, rief Robert erstaunt:

"Das sind doch unsere Nachbarn von Vathi!" 

Tatsächlich, neben uns war ein Boot mit deutscher Flagge gelegen. Die Flagge ist wichtig in diesem Zusammenhang - weil Hermann sie nachts vorher beim Nachhausekommen von der Diskothek spaßhalber geklaut hatte. Das Ehepaar, dem das Boot gehörte, hatte vorm Anlandgehen alles lose Eigentum verstaut und das Boot abgesperrt, was Hermann für übertriebene Vorsicht gehalten hatte. Wir sperrten nie die Adriana ab. Am Morgen wollte er die Flagge zurückstecken. Bei unserem üblichen späten Erwachen war es aber kein Wunder, daß die Deutschen schon vor unserem Aufstehen abgesegelt waren. 

 

Wir schlenderten wie zufällig an ihrem Boot vorbei. 

„Oh, sind Sie nicht gestern neben uns vertäut gelegen?“ fragte Hermann scheinheilig. Als die Deutschen dies bejahten, zeigte er sich über die erneute Begegnung erfreut, weil er angenommen hätte, daß die Fahne, die er „im Männerklo“ hinter der Pier gefunden hätte, ihnen gehören könnte.

 

Die Deutschen waren über die Rückkehr ihrer Flagge höchst erfreut, da sie bereits mit vielen Erinnerungen verbunden war. Zum Dank schenkten sie uns ein paar Dosen Bier. Ich konnte mir beim Anhören von Hermanns Scheinheiligkeit zwar kaum das Lachen verbeissen, wohl war mir dabei aber nicht. Die Hintergangenen waren nette Leute. Sie hätten mir leid getan, wenn wir sie nicht wieder getroffen hätten.

 

Die Stadt Lefkas liegt an einer nach Süden offenen Lagune, von der ein Kanal nach Norden führt und die gleichnamige Insel vom Festland trennt.  Lefkas wurde erst eine Insel, als im Jahre 540 vor unserer Zeitrechnung korinthische Siedler den Kanal gruben. Nun ist sie durch eine Asphaltstrasse, die den Kanal überquert, wieder mit dem Festland verbunden. Eine Zugbrücke erlaubt Schiffen die Durchfahrt.

 

Nach dem Nachtmahl in einem der Restaurants fuhren wir weiter in Richtung der Insel Paxi. Da benützten wir den Kanal, dessen Umgebung wir noch beim schwindenden Tageslicht sehen konnten. Vor der Zugbrücke mußten wir warten, bis die Straße gesperrt und die Fahrbahn gehoben war. Sogar für ein einziges Boot und sogar in der Nacht öffnet der Brückenwärter die Durchfahrt.

 

Kaum waren wir wieder ins offene Meer gelangt, begann eine starke Dünung, die das Boot auf und ab tanzen ließ. Ich stand am Bug und ließ mir dies gefallen. Mein Hunger war gestillt und der Retsina hatte meinen Gliedern wohlige Müdigkeit eingeflößt. Die einfallende Nacht war lauwarm. Die dunklen Flecken Landes trugen funkelnde Geschmeide von Lichtern. Ich wollte diese Stimmung eine zeitlang genießen, bevor ich mich für einige Stunden schlafen legte, um in den kleinen Stunden des Morgens das Steuerrad zu übernehmen.

 

Plötzlich machte das Boot einen gewaltigen Sprung und der Eisenklotz der Ankerwelle schmetterte gegen mein linkes Knie. Diese Bewegung des Bootes hatte ich nicht ausgleichen können, obwohl ich mich mit beiden Händen festgehalten hatte. Ich wußte sofort, daß die Verletzung leider nicht unbedeutend war.

 

Als es für mich an der Zeit war aufzustehen, war mein Knie geschwollen und ich konnte es nicht mehr abbiegen. Sorge machte mir nebenbei, daß ich es der Dunkelheit wegen unterlassen hatte, die offenen Wunden sachgerecht zu versorgen; ich wollte niemanden stören. Das Steuern machte mir keine Schwierigkeit, so lange ich mein Bein ausgestreckt hielt. Wir fuhren mit dem Motor. Die Nacht war mild, fast windstill; über mir dehnte sich das klare Firmament. Die Sternbilder erleichterten mir das Kurshalten, ist doch der Himmel bequemer im Auge zu behalten als der schwach beleuchtete Schiffskompaß.

 

Nach mir wäre Klara an die Reihe gekommen. Als meine Zeit vorüber war, konnte ich aber bereits die Lichter von Paxi sehen und beschloß, bis zum Ende dieser Fahrt am Steuer zu bleiben. Ganz bis zum Anlegen blieb ohnehin keiner von uns Mitseglern am Steuer. Das wollte Hermann niemandem zutrauen. Wie sagte er?  „Ein Skipper ist jemand, der in Tätigkeit tritt, wenn das Schiff ein paar hundert Meter vom Ankerplatz entfernt ist.“

 

Unser Ziel war die Hauptstadt von Paxi: Gaios. Ihr Hafen ist eigentlich eine langgestreckte schmale Meeresenge, die durch zwei vorgelagerte Inselchen gebildet wird. Er war nachtstill, als wir einliefen. Die Lichter am Kai warfen etwas Helligkeit über das Wasser und die vertäuten Boote, gerade genug, daß wir bald nach der Einfahrt eine große dunkle Masse im Wasser liegen sahen. Hermann war verblüfft; an diese konnte er sich von seinem letzten Aufenthalt her nicht erinnern. Sie sah wie ein Wrack aus. Später erfuhren wir, daß vor nicht langer Zeit ein im Hafen liegender Frachter abgebrannt war. Hier waren seine Überreste.

 

Hermann steuerte die Adriana zu einer der wenigen freien Stellen am Pier, ich bereitete die Taue vor und sprang mit Schmerzen so gut ich konnte an Land, um das Boot festzumachen.

 

Am nächsten Tag verloren wir nicht viel Zeit auf Paxi. Nach einem späten Frühstück liefen wir aus und segelten zum Baden zur benachbarten Insel Antipaxi. Obwohl nach der griechischen Mythologie die beiden Inseln durch einen einzigen Schlag von Poseidons Dreizack geschaffen wurden, sind sie sehr verschieden. Paxi trägt auf gewundenen, trockenen Steinterrassen Haine von Olivenbäumen. Das von hier stammende Olivenöl soll das beste in Griechenland sein. Die Küste ist eher felsig. Auf Antipaxi macht man guten Wein und besitzt wunderschöne weiße Sandstrände.

 

Leider sind die Schönheiten auf Antipaxi so bekannt, daß Ausflugsboote Ladungen von Touristen dorthin führen. Diese bevölkerten den von uns angepeilten Strand. Wir ankerten daher in einiger Entfernung in der Nähe von glattgewaschenen Steinplatten, auf denen man sich auch sonnen konnte. Daneben gab es eine vom Meer ausgewaschene Höhle und interessante Uferfelsen. Ich widmete mich dem Schnorcheln und hoffte, daß das Salzwasser dem Abschwellen meines Knies helfen möge. Die Verletzung heilte tatsächlich innerhalb weniger Tage, doch spüre ich noch heute eine Delle in der Kniescheibe.

 

Zurückgekehrt in Paxi besuchten wir ein kleines Aquarium, das der Besitzer einer Bar mit den Meerestieren der Gegend ausgestattet hat.

 

Hermann ließ uns wissen, daß er am folgenden Tag in Korfu die griechischen Ausreiseformalitäten erledigen und ohne Unterbrechung nach Dubrovnik segeln wollte. Die Fahrt würde etwa zwei Tage und zwei Nächte dauern, da wir im damals komunistischen Albanien nicht anlegen konnten.

 

Es war also unsere letzte Nacht vor Anker und damit gabs Grund zum Feiern.  Ich war schon eingeschlafen, als mich Gegröle und lautes Geschwätz weckte. Der Lärm näherte sich unserem Boot, kam an Deck und platzte in die Hauptkabine. Es wurde gesungen und Hermann schien in der richtigen Stimmung zur Anwendung seiner spärlichen Gitarrenkenntnisse. Ich spürte mit Bedauern, daß ich einen Gang zur Toilette nicht vermeiden könnte.

 

„Joe! Gut daß du da bist. Du willst sicher eine Bloody Mary!“ rief jemand.

„Nein, ich will keine Bloody Mary. Ich will wieder schlafen gehen.“

„Willst nicht wenigstens einen Schluck Wodka?“

„Also gut, einen Schluck...“

Damit war mein Schicksal besiegelt. Es wurden dann mehrere Bloody Marys daraus. Dann erschien Ulla und wurde auch gelabt. Schließlich gesellte sich Klara zu uns, weil sie ja doch nicht schlafen konnte.

„Eine Bloody Mary für Klara!“

Um halb fünf morgens fielen wir alle in unsere Kojen.

 

Klara war immer die erste auf. Sie saß schon auf dem Hauptplatz, vor dem wir vertäut lagen, in einem der Strassencafes im Schatten einer aufgespannten Plache beim Frühstücken. Ich leistete ihr dabei Gesellschaft. Das Essen war nicht einfach, weil ganze Schwärme Wespen mit uns konkurrierten. Zwei Mädchen neben uns ließen ihr Frühstück sogar stehen und flohen gestikulierend.

 

Korfu, auch Kerkyra genannt, ist die Hauptstadt der gleichnamigen Insel. Es ist eine ausgedehnte Stadt, die durch ihre Befestigungen auffällt. Wir erreichten sie am späten Nachmittag, als die Sonne begann, hinter der Insel zu versinken. Das Ostufer, an dem wir vorbeiglitten, verdüsterte sich. Abendschein beleuchtete einen Vorsprung der Küstenbollwerke. Dort war ein riesiges Stück Betonmauer geborsten und abgerutscht, vielleicht als Folge eines Erdbebens. Die großen Häuser der Stadt drängten sich dicht an die hohen Küstenmauern. Einige Gebäude stiegen bis zum Wasser hinunter, machten aber einen verlassenen Eindruck mit ihren glaslosen Fensterhöhlen.  Wir kamen an einer Marina mit vielen Jachten vorbei, doch erklärte uns Hermann, daß besuchende Jachten am Nordende der Stadt, in der Nähe der Zollabfertigung anlegen müßten. Er bezweifelte mit Recht, daß wir genug Zeit haben würden, um mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Wir sahen auch in den Haupthafen hinein, wo viele Fähren vertäut lagen, Zeichen regen Verkehrs mit dem Festland.

 

Nach dem "Ausklarieren" - wie die Ausreiseformalitäten heißen - und dem Tanken von Diesel und Wasser aßen wir Nachtmahl an Bord. Bei Dämmerung liefen wir aus Korfu aus und Hermann navigierte vorsichtig durch die enge Passage zwischen der militärischen Sperrzone Griechenlands und dem albanischen Küstengewässer.

 

 

 

Sturm auf der Adria

 

Als Ulla am Steuer war, hatten wir noch günstigen Wind von Süden. Ich sollte sie bald ablösen und konnte nicht schlafen. Das war schade! Ich wußte nicht, daß ich weitere 24 Stunden wachbleiben müßte. Dann drehte sich der Wind und kam gerade aus der Richtung, in die wir segeln wollten: Nordwesten. Und er wurde immer stärker, steigerte sich zu Windstärke acht auf der Beaufortskala mit haushohen Wellen.

 

Das Boot tanzte auf und in den Wogen, daß wir ohne uns zu verankern aus den Schlafkojen geworfen worden wären. Wellen brachen über Bord und Wasserfetzen wuschen bis nach hinten über den Steuermann. Ich beneidete niemanden, der unter Deck bleiben mußte. Seewasser drang durch die Fugen der Fenster und Luken. Es stank so arg nach Diesel, daß man allein davon seekrank werden konnte. Wir nahmen an, daß ein Kanister umgekippt war und Diesel heraussickerte, konnten aber während der Fahrt nichts dagegen unternehmen. Jeder Handgriff war schwierig und wir taten nur das Notwendigste. Da war es kein Nachteil, in die Cockpit hineingekauert der Person am Steuer Gesellschaft zu leisten. Diese sollte nie allein sein.  Bei solchen stürmischen Bedingungen konnte sie ja das Rad nicht verlassen, wenn sie etwas brauchte oder ihre Notdurft verrichten mußte.

 

Nicht immer war zu erkennen, wer an Deck war. Nachdem ich Ulla abgelöst hatte, saß sie noch eine Weile in der Cockpit. Dann wollte ich mit ihr reden. Sprach sie an, auf Englisch. Rief sie bei ihrem Namen. Sie gab keine Reaktion. Schließlich stieß ich unwillig hinaus: „Wer bist denn du eigentlich?“ und war erstaunt, daß es Werner war, der Ullas Stelle eingenommen hatte und kein Englisch sprach.

 

Ich blieb länger am Steuer als vorgesehen.  Dann übergab ich es Werner, konnte aber den Dieselgestank unter Deck nicht vertragen und blieb weiterhin im Cockpit. Da auch Werner seinen Dienst am Steuer verlängerte, konnten wir Klaras Steuerwache überbrücken. Sie war uns dankbar. Wir beneideten sie aber nicht. Sie und Ulla lagen in der Feuchtigkeit und dem Gestank in der vorderen Kajüte und fühlten sich gar nicht wohl. Ulla schätzte Karls tröstende Worte:

"Mach Dir nichts draus, wenn Du erbrechen mußt! Ich werde es wegputzen."

 

Hermann versuchte seine Kräfte zu sparen. Wenn er nicht gebraucht wurde, rollte er sich entweder im Cockpit zusammen oder schlüpfte in seine Koje unter Deck. Er mußte unbedingt bis zum Ende der Fahrt durchhalten. Wir Mitsegler waren austauschbar. Ich holte Hermann, als vor uns ein Licht auftauchte. Es war der Leuchtturm von Othonoi, einer kleinen Insel südlich derer wir vorbeifuhren. Werner und ich wußten, daß wir hart am Wind steuerten, waren uns aber nicht bewußt, daß wir damit direkten Kurs auf Italiens Ferse hielten. Noch während der Nacht sagte uns Hermann, daß er in Italien landen wolle. Er nähme nicht an, daß sich die Bedingungen bessern würden und wir müßten uns ausschlafen und austrocknen. Tatsächlich sollten wir bis zur folgenden Nacht ohne Schlaf und Essen unterwegs sein.

 

Als der Morgen graute, fühlte ich fast Erleichterung. Während der Nacht hatte ich versucht, die Wogen zu erfühlen, um nicht geradewegs in sie hineinzukrachen, immer wieder aufs Segel zu hören, den Zug des Bootes zu spüren. Der neue Tag zeigte uns von Horizont zu Horizont eine wild bewegte Landschaft von berstenden Hügeln, die heranrollten und deren Kämme sich in Fetzen ablösten. Nichts hatte sich geändert, außer daß wir sehen konnten.

 

Welle an Welle wälzte sich heran. Ich ließ behutsam das Schiff hinauflaufen, von der Schulter der Welle hinunterrutschen, korrigierte dabei den Kurs, den das Manöver leicht geändert hatte. Dabei lauschte ich aufs Segel. War ich zu hart am Wind, oder zu sehr abgefallen? Wie stimmte das mit dem Kurs überein? Glücklicherweise blies der Wind beständig aus derselben Richtung, so daß bei gleicher Segelstellung auch der Kurs gleichblieb.

 

Wir fahren ewig auf Backbordbug. Es ist also immer das linke Bein belastet. Manchmal entlaste ich es. Dann stemme ich es wieder gegen die Bordwand, oder gar die Reling, je nachdem wie schief das Boot liegt. Ich fürchte das Auftreten einer gewaltigen Woge, die aufs Boot schmettern kann. Es gibt Berichte von Riesenwellen, wenn auch seltenen, die Boote zerschmettert haben. Hermann behauptete, solche Wellen gäbe es nur im Pazifik. Kann das Boot umschlagen, der Steuermann über Bord gespült werden? Das ist alles schon passiert. An sich fühle ich mich sicher, fest halte ich das Rad, bin mit den Füßen an Bord gut eingespreizt, gehe mit den Wellen mit. Man fühlt sich am Steuer sicherer als unter Deck. Zu spät  erfuhr ich, daß das Boot mit acht Harnessen (mit denen man sich an Bord anhängen kann) ausgerüstet war. Jeder an Deck hätte einen anlegen müssen, nicht nur Hermann, wenn er eine Korrektur an den Segeln machte.

 

Am frühen Nachmittag sahen wir die Küste Italiens. Der Sturm blies noch mit ungebrochener Gewalt, doch lag Sonne über dem Land. Hermann meinte, daß wir uns südlich von Otranto befinden müßten, wenn wir gut Kurs gehalten hätten.

 

Unsere Euphorie über das Erreichen Italiens schwand, als wir unseren Kurs nach Norden änderten, um entlang der Küste nach Otranto zu segeln. Wir mußten gegen die volle Stärke des Sturmes ankämpfen. Zunächst löste sich die Verschnürung eines der am vordereren Deck zusammengerollten, an die Reling gebundenen Segel. Werner und ich hantelten uns vor zum Bug, um es zu bergen. Es wurde ein Kampf mit dem windgepeitschen Tuch und den Tauen. Dabei mußten wir uns irgendwie festhalten, um nicht auszugleiten und über Bord gespült zu werden. Es ist sonderbar, daß man in solchen Momenten die ganze Aufmerksamkeit auf die Aufgabe richtet und die Gefahr mißachtet.

 

Als dann auch noch unser Fock zerriß und ohnmächtig im Sturm flatterte, konnten wir allein der Situation nicht Herr werden. Es war niemand außer Ulla bei Hermann im Cockpit. In seiner Ratlosigkeit übergab er ihr das Steuerrad. Niemand sah die angsterfüllten Augen des Mädchens, als sie mit aller Kraft am Rad hing, um es ja nicht loszulassen. Eine starke Schwenkung der Jacht hätte uns von Bord werfen können. In dieser rasenden, zerklüfteten Wasserlandschaft hätte ein „Mann über Bord“ geringe Chancen gehabt, gefunden zu werden. Vielleicht verdanke ich oder jemand anderer dem totalen Einsatz meiner Tochter das Leben.

 

Die Bergungsarbeiten hatten die Jacht weit vom Kurs abgetrieben. Hermann startete den Motor, um weiter zu kommen. Nun war ich bereits so schläfrig, daß ich mich doch unter Deck hinlegte. Werner tat dasselbe. Als er in die Kajüte kletterte, klagte er: „I bin so naß und mir is so kalt daß I weinen könnt!“.

Ich heulte wenig später selber auf, als hintereinander zwei schwere Konservendosen aus dem Fach oberhalb meiner Koje heraussprangen und mich auf den Kopf trafen. Blut rann mir übers Gesicht.

 

Der Kampf draußen ging auch weiter. Nun kam Robert Hermann zur Hilfe. Es stellte sich heraus, daß wir noch etliche Stunden Fahrt von Otranto entfernt waren und wir waren Robert dankbar, wurden immer dankbarer je länger die Fahrt dauerte. Er blieb die ganze Zeit am Steuer, bis wir in den Hafen von Otranto einliefen. Dort weckte mich Werner aus meinem Dösen:

„Joe komm!  Wir müssen's Segel bergen und uns zum Landen vorbereiten!“

 

Die Einfahrt in den Hafen von Otranto ist nicht einfach, besonders bei starkem Nordwind. Wir holten das Hauptsegel ein, das Hermann der Stabilität wegen während der Fahrt mit Motor beibehalten hatte. Dann versuchten wir in dem nachtdunklen Hafen die Bojen zu erkennen, die den Fahrtkanal kennzeichnen.

 

Platz war wenig in diesem Hafen, aber wir legten parallel zu einer anderen am Kai vertäuten Jacht an.  Wir waren am Ziel!  Robert drückte seine Erleichterung dramatisch aus:

„I sag euch, wann I a Pistol'n g'habt hätt', hätt' I mi' glatt daschoss'n!“

Irgendwann später offenbarte er seine Gefühle weiter: „Jetz steig I aber net bald mehr aufi auf des Schifferl!“

 

 

 

In Otranto

 

Das "Schifferl" blieb leider unser Nachtquartier. Die Schaumgummimatratzen der Kojen waren feucht, in der vorderen Kabine gar voll Wasser. Leintücher und Decken fühlten sich an wie benützte Waschlappen.

 

In der vorderen Kabine war auch bei trockenen Bedingungen wenig Platz für drei Erwachsene. Klara und Ulla teilten sich dort die weniger nassen Stellen und ich sank auf einer der Kojen in der Hauptkabine nieder. Dort schlief aber normalerweise Karl.

„Lass' mich her!“ sagte er ungeduldig, „ich bin erschöpft und muß mich unbedingt ausruhen.“

In mir stieg Sarkasmus hoch: „Das hast du auch nötig, wo Du doch so viel geholfen hast!“

Dann zwängte ich mich in den engen Platz oberhalb des Bücherregales.

 

Am nächsten Tag erfuhr Hermann, daß der Sturm voraussichtlich noch zwei Tage blasen würde. Karl wollte seinen Flug von Dubrovnik nach Wien nicht versäumen und beschloß, mit dem nächsten Zug nach Bari und von dort mit der Fähre nach Dubrovnik zu fahren. Klara, Ulla und ich hatten einen weiteren Tag Zeit und wollten zuwarten.

 

Wir waren alle froh über den Ausruhtag. Wir trockneten und säuberten alles gründlich, uns selbst eingeschlossen. Klara und Ulla wurden von den Besitzern des Nachbarbootes, einem reizenden älteren Ehepaar aus England, zum Duschen eingeladen. Ihr Boot war viel größer als die Adriana und erlaubte ihnen bequemes Wohnen während ihrer sommerlichen Aufenthalte im Mittelmeer.

 

Die Altstadt von Otranto steckt in Festungsmauern, die sicher einmal dicht abgeschlossen werden konnten. Heutzutage lauft man vom Hafen über einige Stufen durch eine breite Bresche in den Mauern und kommt in enge Gäßchen, die mehr arabisch als italienisch anmuten. In der kleinen byzantinischen Kirche San Pietro sahen wir Fresken aus dem 8. Jahrhundert. In die große Kathedrale gelangten wir durch eine Krypta, von der wir erfuhren, daß sie  Teil einer Moschee war, über der die Kirche gebaut wurde.

 

Leider wurden die achthundert Jahre alten Mosaike im Fußboden des Kirchenschiffes gerade restauriert, so daß wir nur wenig von ihnen erspäen konnten. Eindruck machte die großartige bemalte Kassettendecke. In der Märtyrerkapelle türmten sich unter Glas die Schädel von achthundert Stadtbewohnern. Sie wurden von den Türken niedergemetzelt, als diese die Stadt 1480 ohne Vorwarnung überfielen. Die Befestigungen hatten nicht genützt. Die Türken konnten sich ihres Raubkrieges nur ein Jahr lang erfreuen. Der Papst rief sofort zu einem Kreuzzug auf, was Ferdinand I von Neapel motivierte, eine gewaltige Streitmacht zu versammeln. Darunter waren auch die Truppen des ungarische Königs Matthias Corvinus. Die Türken wurden erfolgreich aus Otranto vertrieben.

 

Zum Abendessen trafen wir alle in einen Restaurant außerhalb der Stadtmauern am Weg zur neuen Stadt zusammen. Dort hatten wir einen guten Ausblick auf den Hafen mit den vielen Jachten, die sich in rotgoldenem Abendsonnenschein wiegten. Es stürmte noch immer. Karl war bereits abgereist. Klara, Ulla und ich mußten dies am folgenden Tag tun, um unseren Flug von Dubrovnik nach Belgrad und Wien zu erreichen.

 

Auch an diesem Tag unserer Abreise blies der Wind stark und weiterhin aus Nordwesten. Ein Windwechsel nach Nordosten war vorausgesagt. Hermann, Werner und Robert war eine längere mühsame Überfahrt nach Dubrovnik fast sicher. Hermann berechnete, daß sich die 155 Seemeilen gerader Fahrt von Otranto nach Dubrovnik durch Kreuzen gegen den Wind auf 300 verlängern könnten.

 

 

 

Von Apulien nach Dalmatien

 

Am späten Vormittag kam es zum Abschied, der uns allen schwer wurde. Besonders Robert wäre gerne mit Klara, Ulla und mir mitgekommen. Wir Hinterbliebenen winkten der Adriana von den Hafenmauern lange nach. Bald darauf brachte uns der hilfsbereite Angestellte des Touristenbüreaus, in dem wir die Fähre nach Dubrovnik gebucht hatten, zum Bahnhof. Er freute sich über uns Besucher aus Neuseeland, wo er Verwandte hatte.

 

Vor einer großen einstöckigen Villa setzte er uns ab. Drinnen stiegen wir eine Treppe empor und konnten kaum glauben, daß wir uns in einem Bahnhof befänden. Wir betraten eine Halle, deren Glastüren sich in einen Garten öffneten. In diesem Raum war tatsächlich ein Kassenschalter. Von Bahnsteig und Geleisen sahen wir keine Spur! Erst als wir in den Park hinauswanderten, bemerkten wir hinter blühenden Büschen einen Triebwagen.

 

In Lecce mußten wir umsteigen, wollten aber erst mit dem Abendzug nach Bari weiterfahren. Von unseren englischen Bootsnachbarn hatten wir erfahren, daß Lecce eine schöne und interessante Stadt wäre. Nur waren wir leider ohne Führer oder Stadtplan. Wir marschierten in Richtung Altstadt und liefen durch winkelige enge Gäßchen mit überraschend vielen Prunkbauten. Zur Zeit unseres Besuchs sahen wir traurigen Verfall. Von den einst schmucken Facaden löste sich der Verputz..

 

Der Unterschied zwischen Otranto und Lecce war verblüffend, besonders in Anbetracht ihrer verhältnismäßig nahen Entfernung von einander. Otranto zeigt die strengen Linien einer Hafenfestung, Lecce ist eine Stadt überschwenglichen Barocks. Sogar die Höfe, so klein sie manchmal waren, überraschten uns mit ihren Arkaden, Verzierungen, mitunter Statuen. Bauliche Extravaganzen auf so engem Raum! Alles zeugt von der Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert, als Lecce eine der bedeutendsten Städte Süditaliens war.

 

Die Stadt ist antiken Ursprungs und existierte der Überlieferung nach bereits zur Zeit des Trojanischen Krieges unter dem Namen Sybar. Der römische Kaiser Hadrian verlegte die Ansiedlung um einige Kilometer und gab ihr den Namen Litium. Sie teilte das Schicksal aller Städte dieser Gegend, durch die reihenweise Völker wirbelten - Römer, Ostgoten, Byzantiner, Sarazenen, Lombarden, Ungarn, Slaven, Normannen.

 

Am Domplatz ruhte die Mittagssonne. Die ornamentbewegten Facaden standen in starkem Gegensatz zum stillen verlassenen Platz. Die Kirchen waren geschlossen. Um diese Tageszeit braucht die Bevölkerung sie nicht. Anders könnte es in den Abendstunden sein, wenn das Leben hier erwacht.

 

Unweit vom Domplatz liegt das römische Amphitheater, das so weit wieder hergestellt ist, daß es einen guten Eindruck seiner ehemaligen Größe macht und offenbar Freiluftaufführungen dient. Es ruht inmitten moderner Bauten wie ein riesiger Fremdkörper. Jedoch ist durch seine Gegenwart ein weiter Raum entstanden, in den der moderne Verkehr mit seinem Treiben erfolgreich eingegliedert ist.

 

Es spricht für den Zauber von Lecce, daß wir unseren Zug nach Bari gerade nur wenige Minuten vor seiner Abfahrt erreichten. Die Fahrt ging durch Olivenhaine mit rostfarbener Erde, durch flaches Land mit vereinzelten Städtchen oder Dörflein. Vereinzelt standen verfallene Gebäude, zweifelhaft ob antiken oder neueren Ursprungs. An den Feldern gleißten weiße Kalksteine, von den Einheimischen aus der Erde geholt und aufgehäuft zum Bauen von Mauern.

 

Als wir in Bari ankamen, war es bereits Nacht und der große Platz vor dem Bahnhof war voll Verkehrslärm, Stimmengewirr und Lichtergefunkel.

„Nehmen wir uns doch ein Taxi zum Hafen. Das ist eine so große Stadt!“ schlug Ulla müde vor.

„Nehmen wir uns doch einen Autobus!“ scherzte ich, ahnungslos, wie sehr sich dieser Vorschlag verwirklichen würde.

 

Als ich die Fahrkarten kaufte und mich nach den Bussen zum Hafen erkundigte, nahm sich meiner ein Mann an, den ich für einen Beamten der Städtischen Verkehrsbetriebe hielt. Als wir bereits an der Haltestelle warteten, tauchte er noch einmal auf, hielt einen unbesetzten, verdunkelten Autobus an, lud uns ein einzusteigen und bat den Fahrer, uns zur Fähre zu bringen.

 

Da saßen wir drei dann ganz allein in dem riesigen Bus und ließen uns durch die Stadt chauffieren. Es tat uns nur leid, daß wir uns nicht auch in Bari aufhalten konnten. Die eindrucksvolle Altstadt befindet sich auf einer Erhebung in Hafennähe und zeigte ihre Zitadelle im Lichte von Scheinwerfern.

 

Wir hatten reichlich Zeit zur Einschiffung und das war gut, denn unsere Namen standen trotz Reservierung nicht auf der Passagierliste. Dennoch bekamen wir Kabinen und gingen noch vor dem Auslaufen der Fähre schlafen. Ich erwachte, als ich das Wiegen des Schiffes spürte. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, daß es nicht die Adriana war.

 

 

 

In Dubrovnik

 

Wir schliefen so gut und so lange, daß es zum Frühstücken an Bord zu spät wurde. Allerdings kam die Fähre sehr zeitig in Dubrovnik an. Dort ließen wir uns gerne von einer mehrsprachigen Fremdenführerin dazu überreden, bei ihr Privatzimmer zu nehmen. Sie lud uns in ihr Auto und brachte uns in ihr Haus, das den Hafen von Gruz überblickte. Dort saßen wir bald auf der Terrasse bei einem reichlichen Frühstück. Um neun Uhr hatte unsere Gastgeberin bereits eine Stadtführung zu übernehmen und lud uns ein mitzukommen. Uns war die rasche Entwicklung der Dinge sehr recht, hatten wir ja doch nur einen Tag in Dubrovnik.

 

Als wir den westlichen Eingang in die Altstadt, das Pile-tor erreichten, wurden in mir Erinnerungen wach. So wie bei meinem letzten Besuch hier war die Stadt voller Menschen. Doch war sie fast ein Freilichtmuseum geworden, renoviert, sauber, mit florierenden Eßlokalen und Geschäften.

 

Von Piletor führt der Stradun, die Hauptstraße der Altstadt, zum östlichen Ploče-tor, durch das man hinaus zum alten Hafen kommt. Der von Stradun seewärts liegende Stadtteil war einst eine Insel. Dort bauten im siebenten Jahrhundert Griechen ihr Arragusoi, später Ragusa genannt. Den heutigen Namen erhielt die Stadt vom alten kroatischen Dörfchen, das der Insel gegenüber am Festland lag. Damals hat es hier Eichenwälder gegeben, von denen nur mehr der Name der Stadt zeugt: Dubrovnik bedeutet Eichendorf. Es heißt, daß Venedig zum Teil auf den Eichen von Dubrovnik erbaut worden ist. Das ist glaubhaft, denn nach den Kreuzzügen kam die Stadt 1205 unter venezianische Herrschaft. Erst 1358 wurde Ragusa Vasallenstaat des ungarischen Königreichs.

 

In dreizehnten Jahrhundert wurde der Meeresarm zugeschüttet. Seewärts entwickelte sich der Stadtteil des Adels, landwärts der der Bürgerschaft.  Die Gebäude, die jetzt den Stradun säumen, stammen aus dem siebenzehnten Jahrhundert, nach dem verheerenden Erdbeben von 1667 einheitlich neu aufgebaut.

 

Das Erdbeben zerstörte vieles, was den Einwohnern lieb und wert war, darunter die Kirche des Heiligen Blasius, des Stadtheiligen, der eine besondere Bedeutung hatte, stand doch Ragusa mit der Stadt des Heiligen Markus, Venedig, in dauernder Konkurrenz. Als aber die Ragusaner das unversehrt gebliebene silbervergoldete Standbild des Heiligen Blasius aus den Trümmern der Kirche retten konnten, glaubten sie an ein Wunder. Das Standbild wird weiterhin in der jetzigen Blasiuskirche verehrt.

 

Unsere Führerin sprach ihren Kommentar lebendig und mit Begeisterung, was bei der Monotonie des Fremdenführerberufes selten vorkommt. Sie schloß die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ein. Wir begannen am Piletor beim alten Stadtbrunnen, dessen Kuppel von schlanken korinthischen Säulchen getragen wird. Gegenüber liegt das Franziskanerkloster mit seinem wunderschönen romanischen Kreuzgang. Dort besuchten wir die alte Klosterapotheke (eröffnet 1317!), der ein Apothekenmuseum angeschlossen ist. Da war mir die zur Besichtigung vorgegebene Zeit zu kurz, ebenso beim Ansehen des prunkvollen Domschatzes der Kathedrale.

 

Auf der Pločeseite der Stadt sind die interessantesten Gebäude wohl das Zollhaus und der Rektorenpalast, interessant, weil sie im Rennaissancestil begonnen und gotisch beendet wurden. Dies zeugt vom konservativen Geschmack der Stadtväter zur Zeit des Bauens, als sie sich erbittert gegen die „neumodische (Rennaissance)“ Bauweise wehrten und es erreichten, daß die alte Tradition siegte.

 

Unsere Führung endete im Rektorenpalast, damit wir beliebig Zeit zum Ansehen der dort enthaltenen Museen hätten. Wir ruhten uns im Arkadenhof des Palastes bei Kaffee und Kuchen aus, spazierten dann in der Stadt umher, durch die verträumten, oft winkeligen Gäßchen, die manchmal als Treppen in die höheren Regionen der Stadt hinaufführen. Die Gäßchen sind absichtlich so enge gebaut worden, daß die Sonne kaum eindringen kann. Immer wieder kommt man an kleinen Läden mit Kunsthandwerk vorbei. Eine Gasse, die Prijelko heisst und parallel zum Stradun läuft, verwandelt sich um die Mittagszeit in eine Serie von Straßenrestaurants. Dort aßen wir unter kühlespendenden Lauben. Über den Tischen waren Sonnenschirme aufgespannt. Diese hielten wir erst für unnötig, bis wir ihren wahren Zweck errieten. Die unzähligen Tauben Dubrovniks schämen sich nicht, ihre Notdurft aus der Luft zu verrichten! 

 

Wir photographierten, kauften Obst am Markt, saßen im alten Hafen in der Sonne und ruhten uns aus. Vom Meer blies leichter kühlender Wind. Es war nicht heiß, kein Vergleich mit dem Anfang unserer Reise. Wir beobachteten die Wellen, wie sie an die Felsen schlugen, schauten aufs Meer und machten uns Gedanken, wo unsere Kameraden mit der Adriana wären.

 

Später, als wir auf den alten Befestigungsmauern um die Stadt herumwanderten, konnten wir nicht anders, als immer wieder unsere Augen übers weite Meer streifen zu lassen. Wie hätten wir uns gefreut, Hermann, Werner und Robert noch einmal zu sehen! Wir flogen bereits zeitig am kommenden Morgen über Belgrad nach Wien und zwei Tage später nach Neuseeland zurück.

 

 

 

Epilog

 

In Wien gab es ein unerwartetes und herzliches Wiedersehen mit Robert und Werner. Die Adriana hatte tatsächlich etliche Stunden lang gegen den Wind kreuzen müssen. Dann hatte er sich aber gedreht und von Süden geblasen, so daß das Schiff mit vollen Segeln nach Dubrovnik geflogen war. Am Abend unseres Besichtigungstages war die Adriana bereits im Jachthafen von Gruz gelegen. Robert und Werner hätten uns im Flugzeug überraschen wollen, hatten aber keine Plätze mehr bekommen.

 

 

NB: alle Eigennamen sind verändert worden

 

 

© Joe Paul 1989 and 2010

 

 

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